No Escape from Reality:
Fankulturen und zivilgesellschaftliches  Engagement

No Escape from Reality:

Mit dem sinistren Lord Voldemort hat J.K. Rowling einen Antagonisten erschaffen, der die Leserinnen und Leser ihrer Harry-Potter-Romane in Angst und Schrecken versetzt. Noch vor wenigen Monaten hätte sich die Bestseller-Autorin wohl nicht träumen lassen, dass sie selbst einmal zur Gegegenspielerin ihres eigenen Fanlagers werde könnte. Genau das aber passiert gerade, nach dem Rowling sich auf Twitter gleich mehrfach in umstrittener Art und Weise zur Transgender-Debatte zu Wort gemeldet hatte. Als vorläufiger Höhepunkt in diesem Konflikt gingen zwei der größten Fanseiten „MuggleNet“ und „The Leaky Cauldron“ letzte Woche in einer gemeinsamen Stellungnahme auf Distanz zur Autorin und verurteilten ihre „verletzende und widerlegten“ Überzeugungen.

Der Eskapismus-Vorwurf

In vielen Teilen der Öffentlichkeit gelten Fans generell noch immer als etwas weltfremde Spezies. Menschen, die viel Zeit und Geld in die Beziehung zu ihrem Fanobjekt stecken, wird unterstellt, sie seien auf der Flucht, wahlweise vor sich selbst oder vor den Problemen dieser Welt. Gerade in Deutschland hat diese verengte Sichtweise eine unrühmliche Tradition. In Anbetracht des großen Erfolgs der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende brach das Feuilleton Ende der politisch bewegten 1970er Jahren einen Eskapismus-Diskurs vom Zaun in dessen Verlauf die Fantastik pauschal als Fluchtliteratur verurteilt wurde. Dem Autor ging diese Debatte dermaßen auf die Nerven, dass er Deutschland für einige Zeit den Rücken kehrte und nach Italien zog.

Civic Imagination: Communities als Changemaker

Dabei schließen sich Immersion in einer fiktiven Welt und Aktivismus in der realen Welt keineswegs aus. Im Gegenteil: Immer häufiger engagieren sich Fancommunities auch zivilgesellschaftlich und artikulieren ihre Stimme in politischen Fragen. Ein anderes aktuelles Beispiel ist das Engagement der K-Pop-Szene in Folge des gewaltsamen Todes des Afroamerikaners George Floyd Ende Mai. Nach einer weltweiten Protestwelle mit den Hashtags #BlackLivesMatter und #BlackoutTuesday entwickelte sich schnell eine Gegenbewegung, angekurbelt von der Propagandamaschinerie rechter Aktivisten. Dies wiederum rief die eng vernetzte und sehr mächtige K-Pop-Szene auf den Plan, die ihre Solidarität mit einer kollaborativen Aktion in den sozialen Medien zum Ausdruck brachte. Die K-Pop-Gemeinde kaperte die Hashtags der Gegenbewegung und nutzte sie zur Verbreitung von Memes und Fancams, so dass rechte Tweets und Beiträge im Meer der K-Pop-Inhalte untergingen. Das Engagement der K-Pop-Community ist typisch für eine Entwicklung, die seit einiger Zeit zu beobachten ist und die der Medienwissenschaftler Henry Jenkins unter dem Begriff „Civic Imagination“ subsumiert. Vor allem jüngere Menschen sehen keinen Widerspruch darin, auf der einen Seite ihr Fandom zu zelebrieren und sich auf der anderen Seite politisch zu engagieren. Vielmehr nutzen sie die Macht der Vernetzung und popkulturelle Insignien, um mit gezielten Aktionen, Veränderungen in der realen Welt herbeizuführen.

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