Vergangenen Freitag wurde an der Carnegie Mellon das Leben und Wirken eines bedeutenden Mannes gewürdigt: Harry Q. Bovik, einer der herausragendsten Computerwissenschaftler unserer Zeit. Ihm zu Ehren wird einmal im Jahr ein wissenschaftlicher Wettstreit ausgetragen – ein Schaulaufen der Besten unter den akademischen Nachwuchskräften an einer der renommiertesten amerikanischen Eliteuniversitäten. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer würdevollen Veranstaltung präsentiert. Etwa 100 Menschen, Studenten, Professoren und Ehemalige hatten sich im Hörsaal des Gates and Hillmann Centers eingefunden, um ihrem großen Vorbild bei Sandwiches beziehungsweise „Subs“ wie sie hierzulande genannt werden, Cookies und literweise Kaffee zu huldigen. Noch nie von Harry Q. Bovik gehört? Kein Wunder, denn Harry Q. Bovik gibt es überhaupt nicht.

Harry Q. Bovik ist ein transmedialer Charakter, der im Mittelpunkt einer groß angelegten Inszenierung steht. Er ist nicht nur als Namensgeber der Veranstaltung und in vielen Gesprächen auf dem Campus präsent, sondern betreibt auch eine eigene Webseite auf dem akribisch seine Meriten aufgelistet sind, sowie eine Facebook Page. Im Mittelpunkt dieser Inszenierung steht der Wettbewerb, der SIGBOVIG (sprich: Sickbowitsch). Die Teilnehmer messen sich, in dem sie sich einem nicht ganz ernst gemeinten Menschheitsprobleme stellen, das sie aber nach allen Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens beackern müssen – entweder alleine oder in kleinen Gruppen. Die Ergebnisse müssen in einem Scientific Paper dokumentiert und im Rahmen eines maximal fünf bis zehn minütigen Vortrags verteidigt werden. Die diesjährigen Einreichungen hatten es den Initiatoren, der „Association for Computational Heresy“, offenbar besonders angetan, denn im Katalog zur Veranstaltung heißt es überschwänglich „These quality papers pioneer new interdisciplinary fields, like computational eschatology, celebrity systems, and drinking game theory.“

Nachfolgend eine kleine Auswahl der Arbeiten, die im Rahmen der knapp zweistündigen Veranstaltung vorgetragen wurden:

  • Higher-Order Generalized Algebraic Pizzas: Mathematische Analyse, der offensichtlich recht einseitigen studentischen Essgewohnheiten
  • The Kardashian-Kernel: Überraschende Einsichten zu den komplexen Zusammenhängen zwischen Amerikas derzeitigen Trash-Ikonen Nummer Eins und des maschinellen Lernens
  • Implications of Contrained Thought Expression Achieved via a One Hundred-forty Character Message Limitation Applied to Complex  Social Netwo
    Ohne Worte
  • The National Month of Pushing SpacebarInnovatives Tool zur Lösung von Schreibblockaden vorrangig bei Möchtegern-Autoren
  • Modeling Perceived Cuteness: Wissenschaftliche Antworten auf die spannende Frage, warum Katzen-Content eigentlich so beliebt ist

Um sich ein Bild von SIGBOVIG zu machen, muss man sich eine schräge Kreuzung aus Slam Poetry, Improvisationstheater und Lehrveranstaltung vorstellen. Im Grunde geht es darum, den manchmal doch knochentrockenen Unibetrieb möglichst virtuos auf die Schippe zu nehmen und sich selbst am besten gleich mit. Das Publikum, in seiner Dynamik im steten Wechsel zwischen todernst und feixend, ist selbst ein fester Bestandteil dieses „Science Comedy Clubs“. Denn am Ende werden die Vortragenden mit pseudo-kritischen, aber sachlich-fachlich fundierten Fragen regelrecht „geroastet“. Das Erstaunlichste, zumindest für mich, war dabei die Tatsache, wie viele Pointen sich offenbar aus Computerwissenschaft,  Programmiersprachen und mathematischen Formeln ableiten lassen. Schade nur, dass ich selbst, aufgrund von Sprachbarrieren und, sagen wir „überschauberen Informatik-Kenntnissen“ leider nur sehr wenige mitbekam. Um nicht weiter aufzufallen, übte ich mich eisern in der Kunst des eingefrorenen Lächelns beziehungsweise des empathischen Mitlachens. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, ein Außerirdischer zu sein.

Zum Sieger des Wettbewerbs wurde übrigens der Teilnehmer im Bild oben gekürt. Nicht etwa wegen seines speziellen Outfits, vom Moderator süffisant als „Ganzkörperkrawatte“ bezeichnet. Nein, aufgrund seiner genialen Idee, für die ich ihm am Liebsten auf der Stelle die Patentrechte aus der Hüfte geleiert hätte: ein Tool, das automatisch Powerpoint-Präsentationen erstellt. Man muss einfach nur irgendetwas halbwegs Vernünftiges daherreden, den Rest erledigt das Programm ganz von selbst. Die programmiertechnische Basis dafür bildet eine Serie von Skripten, die Hand in Hand arbeiten: das erste Skript dient der Spracherkennung, das Zweite extrahiert aus dem Vortragstext Suchbegriffe, die wiederum vom dritten Skript direkt in die Google Bildersuche eingespeist werden. Das vierte Skript schließlich, packt die Suchtreffer in Echtzeit in ein Chart. Wie gut das funktioniert, konnte der Referent eindrucksvoll und unter lautem Gejohle im Rahmen seines Vortrags nachweisen. Sollte die Software irgendwann in Serie gehen, könnte das mühevolle und nervige Zusammenschustern von Charts im Vorfeld von Kundenpräsentationen oder Vorträgen also womöglich bald der Vergangenheit angehören. Wie dem auch sei: Harry Q. Bovik hat allen Grund mächtig stolz auf seine Jünger zu sein!

Das Jahrbuch zum SIGBOVIG 2012