Am 25. und 26. Mai findet in Frankfurt die Tagung „Praxisanwendungen der Netzwerkforschung“ statt. Eingeladen hat Dr. Christian Stegbauer vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität. Die Tagung richtet sich an Wissenschaftler und Praktiker gleichermaßen, die sich mit Netzwerkanalyse/ -forschung befassen und dient dem gegenseitigen Austausch.

Heute habe ich die Mitteilung erhalten, das unser Beitrag zu „Virtual Shitstorms“, den ich mit Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University eingereicht habe angenommen wurde. Ich werde also Ende Mai In Frankfurt erste Ergebnisse unserer Analyse vorstellen. Vorab freue ich mich über jede Anregung und jeden Austausch zum Thema. Nachfolgend der Abstract zum Projekt.

Virtual Shitstorms: The Dynamics of Intense Indignation in Social Media Networks
Thomas Zorbach, Jürgen Pfeffer

Der Begriff Shitstorm wurde in Deutschland zum „Anglizismus des Jahres 2011“ gewählt. Die Jury begründete die Entscheidung damit, dass Shitstorm „eine sprachliche Lücke im deutschen Wortschatz schließe, die sich durch aktuelle Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan habe“. Shitstorm beschreibt in der deutschen Sprache ein neuartiges Internetphänomen, in dessen Verlauf sich spontan Empörungswellen aufbauen, die über Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft oder über Personengruppen wie Unternehmen oder Verbänden hereinbrechen. Obwohl schon länger existent, gelangte der Begriff Shitstorm im Jahr 2011 im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise und dem Skandal um die Plagiatsvorwürfe gegenüber dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodeor zu Guttenberg, ins Bewußtsein der breiten Medienöffentlichkeit. Einem Shitstorm sahen sich 2011 auch die UEFA bzw. viele der offiziellen Sponsoringpartner der Fußball Europameisterschaft 2012 ausgesetzt. Anlass der Entrüstung bildete das Vorgehen der Ukraine, eines der beiden Veranstaltungsländer, im Rahmen der Vorbereitung, herrenlose Hunde und Katzen in den Austragungsorten zu töten, um das Stadtbild zu verbessern. Shitstorms sind jedoch nur als Begriff ein rein deutsches Phänomen. In den Vereinigten Staaten werden zur Beschreibung dieser Dynamiken andere synonyme Begriffe wie Social Media (Epic) Fail“ oder „Firestorm“ verwendet.

Erste Beobachtungen und Analysen über die Entstehungsdynamiken von virtual Shitstorms zeigen, dass bereits existierende Netzwerk-Cluster und organisierte Gruppierungen eine zentrale Rolle spielen. Im Fall der Hundetötungen in der Ukraine beispielsweise wurde die Empörungswelle maßgeblich von vernetzen Tierschutzorganisationen angetrieben. Diese Beobachtung legt die Annahme nahe, das bei einem Shitstorm im ersten Schritt keine spontane Vernetzung rund um ein Thema stattfindet, sondern vorhandene Netzwerke ihre Mitglieder aktivieren.

Die Meinungs- und Entscheidungsfindung in dicht vernetzten Social Media Clustern ist den Gesetzmäßigkeiten begrenzter Rationalität (Simon, 1959) unterworfen. Zwei Begrifflichkeiten beschreiben dabei entscheidende Aspekte der beschleunigten Adaption von Meinungen in Social Media Netzwerken. „Filter bubble“ (Parisier, 2011) bezieht sich auf die begrenzte Wahrnehmung von Nutzern in sozialen Medien als Folge homogener Freundschaftsgruppen und wird verstärkt durch die jeweiligen plattformspezifischen „technischen“ Informationensfilterungen, welche durch das Nutzungsverhalten gesteuert werden. „Echokammer“ beschreibt den abgeschlossenen Raum, in welchem Informationen, Meinungen und Überzeugungen durch gegenseitige Bestärkung manifestiert werden.

Der vorliegende Beitrag erörtert ausgehend von Beispielen virtueller Shitstorms die verschiedenen Aspekte betreffend Struktur und Dynamik dieser Diskussions- und Auseinadersetzungskultur in sozialen Medien. In weiterer Folge werden Modelle entwickelt, mit deren Hilfe die dynamischen Prozesse beobachteter Empörungswellen besser beschreibbar werden. Im konkreten wird dabei die Frage diskutiert, inwieweit die Dynamiken eines virtuellen Shitstorms einerseits durch den Aktivismus bereits existierender Cluster und andererseits durch Filterung von Information aufgrund homogener Netzwerke sowie technischer Artefakte begünstigt wird.