Polder – True Transmedia aus der Schweiz

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Vor drei Jahren war ich auf Einladung der Spieleentwickler-Firma NEUROO-X in Bern und Zürich und hatte die Gelegenheit, ein neues Gadget zu testen. Eine ziemlich beeindruckende Erfahrung u. a. deswegen, weil die Mitarbeiter des Unternehmens NEUROO-X um den Gründer Sören Madsen allesamt Figuren aus einem transmedialen, immersiven Erzählkosmos sind, der den Titel „Polder“ trägt.

Being Fritz #derpolder #bern

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Ein Polder ist laut John Clute und seinem Encyclopedia of Fantasy „eine Enklave verdichteter Wirklichkeit, die durch magische Grenzen von der um- gebenden Welt getrennt ist… ein lebendiger Mikrokosmos, der sich gegen die potentielle Verkehrtheit der Welt ringsum behauptet, ein Anachronismus, der absichtlich der falschen Gegenwart widersteht. Polder verändern sich nur, wenn sie von außen erobert werden.“

Meeting the paranoid #derpolder #bern

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Die Welt von „Polder“ bietet dem Publikum auf der einen Seite ein immersives Erlebnis, setzt sich aber auf der anderen Seite kritisch mit der Frage auseinander, was geschieht, wenn Realität und Fiktion untrennbar miteinander verschmelzen. Im Gegensatz zu den meisten Projekten, die wir bei vm-people realisieren und die in der Regel für ein Produkt werben, z. B. für einen Roman, ist „Polder“ von Anfang an transmedial gedacht und entwickelt worden. Das heißt, die einzelnen Story-Plattformen stehen gleichberechtigt nebeneinander und erzählen jeweils eigene Geschichten. Hinter dem Projekt steht der Schweizer Theatermacher und Drehbuchautor Samuel Schwarz, Mitgründer der Theatergruppe 400asa.

House of Game #derpolder #bern

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Am kommenden Montag, den 14.11. um 19 Uhr habe ich die große Freude, gemeinsam mit dem Camino Filmverleih eine Sneak Preview des Films „Polder – Tokyo Heidi“ im Berliner Soho Haus durchführen zu dürfen. Der Spielfilm ist zentraler Bestandteil des Polder-Storyverse, das neben dem Film auch Alternate Reality Walks, Apps, Theater-Performances und Events umspannt.

Wer Interesse hat, an diesem Screening teilzunehmen, schreibt uns einfach bis spätestens Freitag, denn 11.11. um 18 Uhr eine Mail. Wir halten solange noch ein paar Plätze auf der Gästeliste frei!

Mehr Infos zum Film gibt’s hier.



Von Thomas Zorbach am 10. November 2016
in Allgemein, Immersion

Fitzek an Bord: Transmediale Schiffspassage für „Passagier 23“ gestartet

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Er hat es schon wieder getan: am 30. Oktober erscheint Sebastian Fitzeks neuester Schocker „Passagier 23“. Mit einer Gesamtauflage von insgesamt rund 5 Millionen Büchern weltweit, ist er inzwischen Deutschlands erfolgreichster Thriller-Autor. Seit unserer ersten Zusammenarbeit „Push 11“, einem Alternate Reality Game, das als interaktiver Prolog zu seinem dritten Roman „Das Kind“ angelegt war, sind inzwischen sieben Jahre vergangen. Die Fitzeksche Fangemeinde wächst mit jedem neuen Titel, allein auf seiner Facebook-Seite folgen ihm inzwischen rund 85.000 Fans.

Für seinen anhaltenden Erfolg gibt es viele Gründe. Einer davon ist, dass Sebastian Fitzek sehr früh verstanden hat, dass Social Media viele neue Wege für Autoren eröffnen, ihr Publikum zu finden. Zum Beispiel gelingt es ihm immer wieder, aus Buch und Promotion ein immersives Gesamtkunstwerk zu formen, das die Leser vor, während und nach der Lektüre in seinen Bann zieht. „Meine Bücher sind Tore in multimediale Erlebniswelten“, wie Fitzek dieses Verständnis selbst auf den Punkt bringt.

Sein neuer Roman „Passagier 23“ spielt auf hoher See und hat den wahren und sehr verstörenden Umstand zum Thema, dass jährlich rund zwei Dutzend Menschen auf Schiffspassagen verschwinden. Da lag es natürlich nahe, die Fans vor dem offiziellen Erscheinungstermin am 30. Oktober 2014 zu einer (virtuellen) Kreuzfahrt einzuladen, um sie auf das für den Autor ungewöhnliche Setting einzustimmen.

Seit gestern können mutige Menschen im Web eine Kabine auf der „Sultan of the Seas“ buchen, das riesige Kreuzfahrtschiff aus „Passagier 23“. Dem Vernehmen nach sollen an Bord seltsame Dinge vor sich gehen. Was genau, das erfahren die Passagiere dann ab dem 12. Oktober, wenn die „Sultan“ in See sticht. Ob alle Gäste die Transatlantikpassage von New York nach Southampton heil überstehen werden, ist mehr als fraglich.

Wir freuen uns sehr, dass wir auch diesmal wieder mit von der Partie sind. Gemeinsam mit Verlag und Autor waren wir bei der Entwicklung der transmedialen Experience von Anfang an mit im Boot und zeichnen für die Umsetzung verantwortlich. Dabei möchte ich die Videoproduktion, vor allem den Buchtrailer herausheben, den wie so oft die Kollegen und Könner von Woodfilm aus dem Odenwald realisiert haben.

Wer einchecken möchte, hier geht’s lang:
http://passagier23.de/



Von Thomas Zorbach am 3. Oktober 2014
in Aktuelle Fallbeispiele, Transmedia Storytelling

„Memiana“: Transmediale Experience für das bislang größte deutsche Fantasy-Epos gestartet

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In Buch-affinen Online-Kreisen macht in diesen Tagen eine gewisse Hannah Schwarz von sich reden. Die Studentin ist die mutmaßliche Absenderin rätselhafter Tonphiolen, die per Post zugestellt wurden und die mit unbekannten Symbolen verziert sind. Wie sich herausstellte, handelt es sich bei den Zeichen um einen Code, der zu einer Webseite führt und die den Besucher zu einer Entdeckungsreise in eine fremde, gefährliche Welt einlädt: www.memiana.de

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Bei den Ereignissen um Hannah und ihren ominösen Gefährten Wingort handelt es sich um den interaktiven Prolog zu einem Buchprojekt, das gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist. Einmal aufgrund der schieren Länge, denn Memiana ist mit seinen vierzehn Bänden und insgesamt mehr als 6.000 Seiten das umfangreichste Fantasy-Epos, dass es bislang in deutscher Sprache gegeben hat. Zum Anderen begleiten wir den Verkaufsstart der ersten Bandes „Ewige Wacht“ am 15. März 2014, gemeinsam mit den geschätzten Kollegen von Feder & Schwert mit der wahrscheinlich aufwändigsten Werbekampagne, die jemals für ein Buch in Angriff genommen wurde, das vom Autor selbst veröffentlicht wird. Die auf virale Effekte angelegte transmediale Experience kombiniert Online-Storytelling via Social Media unter anderem in Form von Webisodes mit Real Live-Elementen wie Geocaching und Rollenspiel.

Matthias Herbert ist mit über 300 Drehbüchern einer der erfolgreichsten deutschen Krimi- und Thriller-Drehbuchautoren und ist unter anderem Erfinder der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“.

Die transmediale Kampagne läuft seit letztem Wochenende und lässt sich unter anderem auf folgenden Plattformen verfolgen:

In-Game-Webseite
www.memiana.de

Blog und Facebook-Seite von Hannah:

Teilnehmer-Diskussionsforum



Von Thomas Zorbach am 6. März 2014
in Aktuelle Fallbeispiele, Alternate Reality Games, Das weiße Kaninchen, Transmedia Storytelling

Tag der Untoten: vm-people startet transmediale Zombie-Experience

Die Geschichte beginnt mit einem Facebook-Post. Im Frühjahr letzten Jahres schrieb ich aus einer Laune heraus an meine Pinnwand, dass ich mit einem Zombie-ARG liebäugele und bat interessierte Freiwillige, Filmschaffende oder Autoren sich bei mir zu melden. Noch am gleichen Tag bekam ich zu meinem großen Erstaunen erste Fotos von einigen „zombifizierten“ Facebook-Freunden zugespielt. Andere bekannten in Kommentaren oder per Mail, das sie große Zombie-Fans seien und das es schon immer ihr größter Traum war, in einem Zombie-Film mitzuspielen.

Einige Wochen später flatterte dann ein Manuskript in mein virtuelles Postfach. Der Verlag hatte gerade einen Zombie-Titel ins Programm gehievt und von meiner kleinen empirischen Erhebung in meinem Umfeld Wind bekommen. Es handelte sich um ein Jugendbuch, ein Terrain also, das in den letzten Jahren vornehmlich von Vampiren regiert wurde. In Anbetracht des kleinen Begeisterungssturms, den mein Posting verursacht hatte, fiel es mir nicht schwer, die Frage, ob ich mir vorstellen könne, den Titel viral zu vermarkten, mit „Ja“ zu beantworten.

Nach eineinhalb Jahren Vorlauf ist es nun endlich soweit und unsere Geschichte rund um die Untoten geht heute an den Start. Wie schon so oft haben wir uns dabei wieder einiges vorgenommen. Vor allem aber wollen wir, abseits der altbewährten ARG-Pfade, mit transmedialen Formaten experimentieren. Die Experience trägt den Titel „Untot in Deutschland“ und führt Elemente wie Crowdsourcing, Gamification, Rollenspiel und Film in einem Erzählkosmos zusammen. Inwiefern dieser Ansatz tragfähig ist, darüber wird wie immer allein das Publikum entscheiden.

Der Auftakt jedenfalls war recht vielversprechend: Eine Organisation namens „Zentrale zur Abwehr Untoter“, kurz ZAU, machte in den letzten Tagen durch den Versand eines Zombie Survival Guides von sich reden. Das seltsame Regelwerk, dass an nichtsahnende Netzbürger gesendet wurde und das mit hilfreichen Tipps zur Prävention, Termination und Dekontamination im Falle einer Zombie-Epidemie aufwartet, rief großes Interesse vor. Auf der offiziellen Webseite der ZAU haben sich in nur zwei Wochen rund 1.000 Unerschrockene registriert, die bereit sind, den Kampf gegen die Untoten aufzunehmen.

Was nach Ablauf des Countdowns, am Montag um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit geschieht, wissen momentan nur einige Eingeweihte an der Graduate School of Library and Information Science an der University of Illinois in Urbana-Champaign. Nach dem ich dort letzte Woche im Rahmen einer Vorlesung von der Untot-Experience und einigen anderen Projekten der jüngeren Vergangenheit berichtet habe, fragte mich ein offensichtlich leicht verstörter Student, ob sich unsere Produktionen immer nur um Mord, Horror oder Katastrophen drehen und ob das die Voraussetzung für den Erfolg in Transmedia sei.

Ich habe ihm geantwortet, dass Transmedia Storytelling von guten Geschichten lebt, ganz egal, aus welchem Genre sie stammen und das ich liebend gerne zum Beispiel einmal eine Lovestory für einen Titel aus der Gattung Chicklit oder Love and Landscape plattformgreifend inszenieren würde. Zugegeben, ich schreibe diese Zeilen hier nicht ganz ohne die Hoffnung, dass sie von einem mutigen Autor oder einem experimentierfreudigen Verlag gelesen werden und das demnächst vielleicht eine andere Geschichte mit diesem Posting hier beginnt. Freiwillige vor!

Die Webseite der Zentrale zur Abwehr Untoter
Facebook-Seite der ZAU
Tumblr-Blog



Von Thomas Zorbach am 24. September 2012
in Allgemein, Transmedia Storytelling

„Pippas Tagebuch“: Wie Zoë Beck ihre Fans auf einen neuen Roman einstimmt

Bei Autoren hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es durchaus von Vorteil ist, für seine Leser erreichbar zu sein. Die Lektüre eines Buches ist oft mit starken Emotionen verbunden und weckt das Bedürfnis nach Austausch – nicht nur mit anderen Lesern, sondern auch mit dem Verfasser. Wer diese Nähe zulässt, wer auf E-Mails antwortet, auch wenn sie kritisch sind oder bei Facebook auf Fragen reagiert und mit den Fans in einen Dialog tritt, eröffnet sich die Chance, eine starke Bindung zu seinem Publikum aufzubauen. Auch wenn es viel Zeit und manchmal Nerven kostet: es lohnt sich für die Leser da zu sein, wenn sie auf den Autor zugehen.

Zoë Beck hat den Spieß jetzt umgedreht. Bereits Wochen vor dem Erscheinen ihres neuen Romans „Das zerbrochene Fenster“ ist die Autorin auf ihre Leser zugegangen und das auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Ausgewählte Fans ihrer Facebook-Page, Rezensenten ihrer Bücher und Buchblogger erhielten überraschend eine Sendung mit der Post. Neben einem handgeschriebenen und individuellen Gruß der Autorin enthielt der Umschlag eine Speicherkarte im Visitenkarten-Format, verziert mit einem Portraitfoto. Auf der USB-Karte verbarg sich die nächste Überraschung: eine Audiodatei im Stil eine Diktaphone-Aufnahme mit der Stimme einer verzweifelten Frau.

Foto: Michelle Senn

Die Aufnahmen datieren auf das Jahr 2003 beziehungsweise 2004 und stammen von Philippa Murray, eine Klavierbauerin aus Edinburgh. „Pippa“ sucht ihren Freund Sean, der spurlos verschwunden ist. In den tagebuchartigen Passagen, fünfzehn an der Zahl, redet sie sich ihren Kummer und ihre Verzweiflung von der Seele. Schon nach den ersten Tracks beginnt man tiefes Mitleid zu empfinden mit dieser unbekannten Frau, die nicht bereit ist zu akzeptieren, dass sie den geliebten Menschen wahrscheinlich niemals wiedersehen wird. So sehr es auch den Anschein haben mag, aber Pippa ist nicht real. Sie ist die Protagonistin aus „Das zerbrochene Fenster“ und wird von der Autorin selbst zum Leben erweckt, die der Hauptfigur ihre Stimme leiht.

Vierzehn der fünfzehn Tondateien sind Teil des Romans. Sie haben die Funktion den Leser emotional auf die Handlung einzustimmen. Dadurch bekommt das Publikum dieses „Sneak Prehears“ das Gefühl vermittelt die Figuren und das Setting bereits zu kennen, bevor die erste Seite des Buches aufgeschlagen ist. Gleichzeitig sollen die Tracks reflektieren wie Zoë Beck ihre Geschichte erzählt: fragmentarisch, komplex, angesiedelt auf mehreren Zeitebenen. Keine leicht verdauliche Thriller-Kost von der Stange, nichts was sich locker wegliest. Dafür eindringlich geschilderte, vom Leben gebeutelte Figuren, die in Erinnerung bleiben. Keine Blutorgien, stattdessen psycholgische Spannung im ursprünglichen Sinne des Wortteils „Psycho“ in Psychothriller.

Video: Michelle Senn

Nach dem Alternate Reality Game „66 Letters“ für den Roman „Das alte Kind“ ist „Pippas Tagebuch“ bereits meine zweite Zusammenarbeit mit Zoë Beck. Es ist vergleichsweise eine dankbare Aufgabe, denn die Autorin macht im Umgang mit ihren Fans so ziemlich alles richtig. Vor allen Dingen merkt man ihr deutlich an, dass Social Media für sie keine lästige Pflichtübung darstellt, sondern dass ihr Facebook und Twitter ganz einfach Spaß machen, wie sie in einem Radio-Interview kürzlich erzählt hat. All das zusammengenommen: die Nahbarkeit für ihre Leser, die fragmentarische, transmediale Inszenierung ihrer Stoffe und der selbstverständliche, glaubwürdihe Umgang mit Social Media machen Zoë Beck für mich zum Prototyp einer modernen Autorin im digitalen Zeitalter.

Die Webseite zum Roman „Das zerbrochene Fenster“
„Sich selbst um das Buchmarketing zu kümmern, hat enorm an Wichtigkeit gewonnen“: Zoë Beck im Interview mit Leander Wattig



Von Thomas Zorbach am 11. August 2012
in Social Media, Transmedia Storytelling