Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace?

„Standing alone in the pyrenees, pretending to be myself, pretending to be someone else, in a real life role play version of my own novel. Just how bizarre is that?“ So versuchte Sean Thomas alias Tom Knox, Autor von „Cagot“, sein Innenleben während des Alternate Reality Game-Showdowns im Baskenland mit Live-Tweets in Worte zu fassen. Dass Autoren von ihren Figuren, die sie erschaffen haben heimgesucht und um den Schlaf gebracht werden, hört man immer wieder. Die immersive Wirkung eines Alternate Reality Games kann jedoch ungleich höher sein und mitunter gar ein Reality Distortion Field verursachen wie im Fall von Tom Knox.

In der dritten Folge der Kaninchengespräche rund um Immersion, Transmedialität und Storytelling widmen wir uns ganz der Perspektive des Autors. Von Stephan M. Rother, Autor des Psychothrillers „Ich bin der Herr deiner Angst“ (Rowohlt), erfahren wir aus erster Hand welche Erfahrungen er beim gleichnamigen Alternate Reality Game mit dem transmedialen Erzählen gesammelt hat. Wie erlebt es ein Autor, wenn seine Story auf diese Weise vermarktet wird? Was geht in ihm vor, wenn er eine Figur verkörpert, die er selbst erschaffen hat und von der er weiß, dass sie im Roman auf bestialische Weise ermordet wird? Und welche Beziehung entwickelt er zum Publikum, das bei einem ARG entscheidenden Einfluss hat, wie sich die ganze Geschichte entwickelt?

Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace? by vm-people

Aus Produzentensicht ist es immer förderlich wenn der Autor ein gewisses Verständnis für die Materie mitbringt. In dieser Hinsicht war Stephan M. Rother ein absoluter Glücksfall. Denn mit „Magister Rother“ hatte er einerseits bereits während seiner Studienzeit eine Bühnenfigur erfunden und verkörpert. Anderseits hatte er im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit Artikel für Rollenspielmagazine geschrieben. Wir mussten ihn also nicht lange bitten, die Rolle des unglückseligen Kriminalkommissars Hartung zu übernehmen. Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit, Stephan. M. Rother!

Der Autor in Action – Stephan M. Rother als Hauptkommissar Ole Hartung in einer Ingame TV-Reportage

Das Interview führte Patrick Breitenbach. Der Intro-Track by Codex Machine, „You can never escape the underground“

Dieser Podcast ist Teil einer Mini-Serie um die Themen Immersion, Transmedialitä und Storytelling:

Kaninchengespräche #001: Der Puppetmaster – ein moderner Geschichtenerzähler packt aus
Kaninchengespräche #002: Das Publikum – Mittendrin statt nur dabei
Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace?
Kaninchengespräche #004: Der Verlag – Vom Leser zum Erleber? (folgt)



Von Thomas Zorbach am 7. Mai 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Alternate Reality Games, Das weiße Kaninchen, Journey 2012, Podcast, Transmedia Storytelling

Ein moderner Geschichtenerzähler packt aus: Transmediale Produktionsnotizen #HdA01

Transmedia Storytelling findet in Deutschland als Erzählform im Kulturbereich, aber inzwischen auch in der Wirtschaft immer mehr Beachtung, inbesondere die derzeit bekannteste Anwendung – das Alternate Reality Game. Was sind die Eigenheiten dieser narrativen Technik; wie sieht der Schöpfungsprozess aus; und wie wirkt eine transmedial erzählte Geschichte auf das Publikum? Das sind nur einige der Fragen, die ich im Rahmen einer kleinen Reihe mit dem Titel „Transmediale Produktionsnotizen“ hier im Blog aufgreifen möchte.

Der Anlass bildet das gerade zu Ende gegangene Alternate Reality Game „Ich bin der Herr deiner Angst“, das vm-people für den gleichnamigen Thriller von Stephan M. Rother für den Rowohlt Verlag produziert hat. Die Absicht ist es, die neue Erzählform, die sich gerade entwickelt, aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, um sie dadurch greifbarer zu machen. Zu Wort kommen, sollen die unterschiedlichen Beteiligten, neben den Puppetmastern (die Erzähler und Spielleiter), auch die Auftraggeber, der Autor, und die Teilnehmer.

Los geht’s mit einem Interview mit Sebastian Müller, Puppetmaster des ARG, das Patrick Breitenbach und Solveig Gwendolin Schwarz von der Karlshochschule International University geführt haben. Darin geht es unter anderem um die Frage wie man eigentlich zum Transmedia Storyteller wird. Denn während sich der Transmedia Producer in den USA inzwischen zu einem anerkannten Berufsbild gemausert hat, sind die vernetzt denkenenden und medial ungebundenen Erzähler hierzulande noch dünn gesät.

Interview anhören 

 



Von Thomas Zorbach am 12. April 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Alternate Reality Games, Das weiße Kaninchen, Transmedia Storytelling

ARG-Showdown in Hamburg: „Ich bin der Herr deiner Angst“

Vormals ein Nischenphänomen, haben Alternate Reality Games als Spiel- bzw. Erzählform im deutschsprachigen Raum inzwischen eine breite Anhängerschaft gefunden. Einerseits steigt die Zahl der ARG-Begeisterten und Kaninchenfreunde von Produktion zu Produktion. Anderseits sind Entscheidungsträger in den Unternehmen, allen voran die Buchverlage von der Wirksamkeit eines ARGs als Marketinginstrument inzwischen überzeugt. Erst kürzlich wurde unsere Produktion „Play the player, not the cards“ für den Thriller „Der Regler“ auf der Leipziger Buchmesse mit dem BuchmarktAward in Silber in der Königsdisziplin Bestseller-Marketing gewürdigt. Alternate Reality Games sind jedoch weit mehr als eine Werbeform, in der mit „medialen Tricks“ versucht wird, vordergründig um die Aufmerksamkeit potenzieller Leser zu heischen, auch wenn das klassische Medien wie der Tagesspiegel, noch immer nicht so ganz verstanden haben.

Aufmerksamkeit spielt im im aktuell laufenden ARG „Ich bin der Herr deiner Angst“, das heute in Hamburg auf sein Finale zusteuert, Story bedingt jedoch eine bedeutende Rolle. Die transmedial inszenierte Geschichte dreht sich um einen unbekannten, offensichtlich psychopatischen Entführer, der es darauf abgesehen hat, das eine längst verdrängte Mordserie aus den 1980er Jahren wieder ans Licht der Öffentlichkeit kommt. Über die Webseite Anxiferum wurde den Teilnehmern Aufgaben und Rätsel gestellt, die sich allesamt um Ängste drehten. Was damals in Hamburg geschah, dokumentiert eine TV-Reportage aus dem Jahr 1988. Der fingierte Bericht ist „In-Game“, wie es im Produzenten-Sprech heißt, er ist ein Teil der Inszenierung und birgt wichtige Hinweise für die ARG-Ermittler.

Die Reportage zeigt aber auch, was ein ARG, neben der Aufmerksamkeit, die es zweifellos für den gleichnamigen Titel erzielen soll, zu leisten im Stande ist: nämlich die Nähe zu einem im Krimi- und Thriller-Bereich noch unbekannten Autor herzustellen. Stephan M. Rother (im Bild rechts), selbst ein erfahrener und begeisterter Rollenspieler verkörpert darin einen der Ermittler aus seiner Geschichte. Ein solcher Einsatz, die Bereitschaft zur Interaktion, ist genau das, was einen Leser unmittelbar in einen Fan verwandeln kann.
Und das ist bei Weitem noch nicht alles. Mehr soll aber an dieser Stelle im Hinblick auf den nahenden Showdown nicht verraten werden.

Wer kurzfristig den Weg nach Hamburg antreten möchte, um beim ARG-Finale dabei zu sein, meldet sich am besten im Spieler-Forum.

Für die  Leute, die das Geschehen am Rechner verfolgen wollen, gibt’s wie immer einen Live-Stream.

Lovelybooks überträgt ab 21:00 Uhr live die Weblesung mit Stephan M. Rother

Das Buch erscheint am 2. April im Rowohlt Verlag und kann hier oder hier bestellt werden.

NACHTRAG: Die Allgemeine Zeitung berichtet über den Autor und seine Beteiligung am Alternate Reality Game



Von Thomas Zorbach am 31. März 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Alternate Reality Games, Das weiße Kaninchen, Transmedia Storytelling