Pizza Talk III: Shitstorm-Vortrag auf der Sunbelt XXXIV

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Gestern war Showtime für die neusten Erkenntnisse aus der Shitstorm-Forschung. Bühne war die Sunbelt-Konferenz, auf der es um die Soziale Netzwerkanalyse geht und die in diesem Jahr in St. Pete Beach, Florida stattfindet. Die „Pizza Talks“ sind eine lose Serie von Vorträgen, die sich um wissenschaftliche Aspekte des Viralen Marketings drehen, ins Leben gerufen von meinem Forscherkollegen Prof. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University und mir.

Um unsere empirischen Beobachtungen und Überlegungen zum Shitstorm-Phänomen zu veranschaulichen haben wir uns ein Ereignis näher angeschaut, das im vergangenen Jahr in den USA für Aufsehen gesorgt hat: das „Rolling Stone“-Cover, das den mutmaßlichen Bombenleger des Boston-Marathons Dzhokhar Tsarnaev auf dem Titelbild zeigte. Ausgewertet haben wir US-Tweets mit Geo-Tag, die im Zuge einer Langzeiterhebung gesammelt wurden.

Bei der Analyse der Daten fiel unter anderem auf, dass beim „Rolling-Stone-Firestorm“ Bots und Spammer keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Diese Accounts greifen offenbar gezielt die Trending Topics ab, um ihre Follower-Anzahl zu erhöhen. Diese Beobachtung lässt den Schluss zu, dass der Ausbau der eigenen sozialen Reichweite eine weiterer Erklärungsansatz sein könnte, warum sich Menschen an einem Shitstorm beteiligen.



Von Thomas Zorbach am 22. Februar 2014
in Shitstorms, Social Media, Theoretische Aspekte, Vorträge & Seminare, Wissenschaft

Shitstorm-Saison 2012: Frustration oder Manipulation?

Gäbe es so etwas wie eine Hurricane-Saison in Social Media, viel spräche dafür, dass wir uns in Deutschland gerade mittendrin befinden. Innerhalb kürzester Zeit wurden Vodafone, McDonald’s, und das ProSieben-Magazin Galileo von Shitstorms bisher unbekannten Ausmaßes getroffen. Brutstätte in allen Fällen ist Facebook. Ausgelöst durch einzelne Nutzerbeiträge, bauten sich innerhalb weniger Stunden gigantische Proteststürme aus „Likes“ und Kommentaren auf, die sich in hoher Geschwindigkeit durch das soziale Netzwerk verbreiteten.

Aufgrund des schnellen Aufeinanderfolgens der Ereignisse und gewisser Ähnlichkeiten in den Verbreitungsmustern wird im Web derzeit darüber spekuliert („Der gekaufte Shitstorm“), ob die Vorfälle möglicherweise durch Manipulation herbeigeführt worden sind zum Beispiel durch den Einsatz von gefälschten Facebook-Profilen. Obwohl solche Profile vielerorts feil geboten werden und eine gezielte Beeinflussung der Interaktionsrate von Facebook-Meldungen technisch möglich erscheint, halte ich die Beweislage für unzureichend und nicht überzeugend.

Quelle: Kai Thrun

Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die jüngsten Vorkommnisse das Ergebnis von organischen Netzwerkeffekten sind, deren Ursache in den viralen Funktionen von Facebook begründet liegen. Wenn dann hinzukommt, dass einem Unternehmen wie Vodafone aufgrund wahrgenommener Defizite im Servicebereich eine hohen Anzahl von Gegnern mit einer niedrigen Toleranzschwelle gegenüberstehen, die auf eine passende Gelegenheit warten, ihren angestauten Frust loszuwerden, finde ich ein Ergebnis von mehreren Tausend „Likes“ und Kommentaren im Verlauf von nur wenigen Stunden nicht weiter verwunderlich. Facebook-Seitenbetreiber wie McDonald’s oder Galileo, die über 1 Million „Gefällt mir“-Klicks erreicht haben, müssen solche Phänomene künftig auf dem Schirm haben und ihr Handlungsrepertoire dahingehend erweitern, dass sie vor einem solchen Kritikeransturm gewappnet sind.

Gegen die Manipulationsthese sprechen auch die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt, an dem ich gemeinsam mit Dr. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University arbeite. Jürgen Pfeffer hat in einem Simulationsmodell nachgewiesen, dass geringfügige Veränderungen im Kommunikationsverhalten von Social Media-Nutzern aufgrund der lokalen Cluster-Struktur interpersonaler Kommunikationsnetzwerke große Auswirkungen haben können. Der Kurvenverlauf im Fall von McDonald’s und Galileo – das schnelle Ansteigen der Kommentarhäufigkeit und ihr ebenso rapides Absinken – ähnelt auf frappierende Weise den Ergebnissen aus unserer Simulation.


Quelle: Pfeffer, Zorbach

Über unsere Forschungsergebnisse habe ich kürzlich mit Holger Schmidt, Redakteur beim FOCUS Magazin und Betreiber des „Netzökonomie-Blog“, gesprochen. Das Interview ist diese Woche erschienen – in der Printausgabe Nr. 32/6. August 2012 und online.

„Netzwerkeffekte überlagern kognitive Effekte“
Facebook-Wutwelle trifft McDonald’s
Der gekaufte Shitstorm
Shitstorm über „Galileo“: So reagiert ProSieben auf derbe Vorwürfe
Shitstorms die Dynamiken von Empörungswellen in Social Media: Studie von Dr. Jürgen Pfeffer (Carnegie Mellon) und Thomas Zorbach (vm-people)
How to survive a Shitstorm: Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica 2010



Von Thomas Zorbach am 9. August 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, In eigener Sache, Interviews, Shitstorms, Wissenschaft

Hunting the Holy Grail – Video zum Vortrag an der Carnegie Mellon

Wie bereits berichtet habe ich vor Kurzem einen Vortrag an der Carnegie Mellon University gehalten. In meinem Vortrag „Viral marketing and the Exploration of Social Networks“ ging es mir darum, den Studenten im Fachbereich Computational Science eine praktische Anwendung ihres Forschungsgebiets zu demonstrieren. Ich habe unter anderem davon berichtet, wie uns Erkenntnisse aus der Netzwerkanalyse in die Lage versetzen, Alternate Reality Games zu planen und durchzuführen.

Die Universität war so freundlich, mir das Videomaterial meines Vortrages zur Verfügung zu stellen, das ich hier leicht gekürzt präsentiere. Dafür herzlichen Dank, liebe Carnegie Mellon. Ganz besonders herzlich möchte ich mich auch bei Jürgen Pfeffer bedanken. Nicht nur für die Einladung in seinen Kurs „Computational Approaches to Social Complexity“, sondern auch für seine Gastfreundschaft. Die zwei Woche waren in vielerlei Hinsicht erinnerungswürdig!



Von Thomas Zorbach am 24. April 2012
in Allgemein, Journey 2012, Methodiken, Wissenschaft

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Shitstorm-Forschung: Erste Ergebnisse auf Netzwerktagung im Mai

Am 25. und 26. Mai findet in Frankfurt die Tagung „Praxisanwendungen der Netzwerkforschung“ statt. Eingeladen hat Dr. Christian Stegbauer vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität. Die Tagung richtet sich an Wissenschaftler und Praktiker gleichermaßen, die sich mit Netzwerkanalyse/ -forschung befassen und dient dem gegenseitigen Austausch.

Heute habe ich die Mitteilung erhalten, das unser Beitrag zu „Virtual Shitstorms“, den ich mit Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University eingereicht habe angenommen wurde. Ich werde also Ende Mai In Frankfurt erste Ergebnisse unserer Analyse vorstellen. Vorab freue ich mich über jede Anregung und jeden Austausch zum Thema. Nachfolgend der Abstract zum Projekt.

Virtual Shitstorms: The Dynamics of Intense Indignation in Social Media Networks
Thomas Zorbach, Jürgen Pfeffer

Der Begriff Shitstorm wurde in Deutschland zum „Anglizismus des Jahres 2011“ gewählt. Die Jury begründete die Entscheidung damit, dass Shitstorm „eine sprachliche Lücke im deutschen Wortschatz schließe, die sich durch aktuelle Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan habe“. Shitstorm beschreibt in der deutschen Sprache ein neuartiges Internetphänomen, in dessen Verlauf sich spontan Empörungswellen aufbauen, die über Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft oder über Personengruppen wie Unternehmen oder Verbänden hereinbrechen. Obwohl schon länger existent, gelangte der Begriff Shitstorm im Jahr 2011 im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise und dem Skandal um die Plagiatsvorwürfe gegenüber dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodeor zu Guttenberg, ins Bewußtsein der breiten Medienöffentlichkeit. Einem Shitstorm sahen sich 2011 auch die UEFA bzw. viele der offiziellen Sponsoringpartner der Fußball Europameisterschaft 2012 ausgesetzt. Anlass der Entrüstung bildete das Vorgehen der Ukraine, eines der beiden Veranstaltungsländer, im Rahmen der Vorbereitung, herrenlose Hunde und Katzen in den Austragungsorten zu töten, um das Stadtbild zu verbessern. Shitstorms sind jedoch nur als Begriff ein rein deutsches Phänomen. In den Vereinigten Staaten werden zur Beschreibung dieser Dynamiken andere synonyme Begriffe wie Social Media (Epic) Fail“ oder „Firestorm“ verwendet.

Erste Beobachtungen und Analysen über die Entstehungsdynamiken von virtual Shitstorms zeigen, dass bereits existierende Netzwerk-Cluster und organisierte Gruppierungen eine zentrale Rolle spielen. Im Fall der Hundetötungen in der Ukraine beispielsweise wurde die Empörungswelle maßgeblich von vernetzen Tierschutzorganisationen angetrieben. Diese Beobachtung legt die Annahme nahe, das bei einem Shitstorm im ersten Schritt keine spontane Vernetzung rund um ein Thema stattfindet, sondern vorhandene Netzwerke ihre Mitglieder aktivieren.

Die Meinungs- und Entscheidungsfindung in dicht vernetzten Social Media Clustern ist den Gesetzmäßigkeiten begrenzter Rationalität (Simon, 1959) unterworfen. Zwei Begrifflichkeiten beschreiben dabei entscheidende Aspekte der beschleunigten Adaption von Meinungen in Social Media Netzwerken. „Filter bubble“ (Parisier, 2011) bezieht sich auf die begrenzte Wahrnehmung von Nutzern in sozialen Medien als Folge homogener Freundschaftsgruppen und wird verstärkt durch die jeweiligen plattformspezifischen „technischen“ Informationensfilterungen, welche durch das Nutzungsverhalten gesteuert werden. „Echokammer“ beschreibt den abgeschlossenen Raum, in welchem Informationen, Meinungen und Überzeugungen durch gegenseitige Bestärkung manifestiert werden.

Der vorliegende Beitrag erörtert ausgehend von Beispielen virtueller Shitstorms die verschiedenen Aspekte betreffend Struktur und Dynamik dieser Diskussions- und Auseinadersetzungskultur in sozialen Medien. In weiterer Folge werden Modelle entwickelt, mit deren Hilfe die dynamischen Prozesse beobachteter Empörungswellen besser beschreibbar werden. Im konkreten wird dabei die Frage diskutiert, inwieweit die Dynamiken eines virtuellen Shitstorms einerseits durch den Aktivismus bereits existierender Cluster und andererseits durch Filterung von Information aufgrund homogener Netzwerke sowie technischer Artefakte begünstigt wird.



Von Thomas Zorbach am 18. April 2012
in Allgemein, Journey 2012, Konferenzen, Wissenschaft

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Dem „Shitstorm“ auf der Spur: Forschungsprojekt mit der Carnegie Mellon gestartet

Der Sturm der Entrüstung traf mich völlig unvorbereitet und mit voller Wucht. Es war am Abend des 6. Juni 2002, der Tag, an dem der damalige Vorsitzende des deutschen Bundestages Wolfgang Thierse eine neue Imagekampagne der Öffentlichkeit vorstellte. In den Anzeigen- und Plakatmotiven ging es darum, den Jugendlichen zu vermitteln, was die Abgeordneten in Berlin so treiben und was das eigentlich mit ihrem Leben zu tun hat. Gemeinsam mit meinen beiden Mitstreitern Martin Goldbach und Dagmar Kempf hatte ich monatelang auf diesen Moment hingearbeitet. Gespannt saßen wir vor dem Fernseher, Panorama hatte einen Beitrag angekündigt.

(Quelle: SPIEGEL Online)

Schon die Anmoderation verhieß nichts Gutes: „Plump und peinlich“: die Jugendwerbung des Deutschen Bundestages“. Und was dann folgte war eine Hinrichtung allererster Güte. Unmittelbar nach der Sendung griff ein weiteres Leitmedium, Spiegel Online, die Story auf mit der unzweideutigen Headline „Pure Verarschung“. Und während unser Mut langsam zu sinken begann, stieg die Anzahl der ungelesenen Mails in unserem Posteingang dramatisch an. Am nächsten Morgen waren es Tausende. Zwar hatten wir durchaus kalkuliert und beabsichtigt, dass die Ansprache polarisieren würde, nicht gerechnet hatten wir jedoch mit den Pöbeleien und Anfeindungen, die neben konstruktiver Kritik im Sekundentakt auf uns einprasselten.

Der Aspekt, dass sich in die sachliche Kritik, zunehmend „aggressive, beleidigende und bedrohende“ Töne mischen ist das typische Kennzeichen eines „Shitstorms“. Der Begriff bezeichnet eine virale Welle der Empörung, die durch das Internet schwappt und die in (un)schöner Regelmäßigkeit über Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft oder über Personengruppen wie Unternehmen oder Verbänden hereinbricht. Erst kürzlich wurde die Bezeichnung zum „Anglizismus des Jahres 2011“ gewählt. Die Begründung der Jury ist hochinteressant. „Shitstorm“ schließe „eine sprachliche Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch aktuelle Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan hat.“

Nach Ansicht der Sprachwissenschaftler haben wir es also mit einem neuartigen Phänomen zu tun. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, denn obwohl es solche Entrüstungsstürme schon vor zehn Jahren gegeben hat, wie ich am eigenen Leibe erfahren habe, scheinen die Dynamiken, die zur Entstehung und Verbreitung eines Shitstorms führen heute andere zu sein. Während beispielsweise vor einer Dekade die klassischen Medien eine dominierende Rolle bei der Meinungsbildung eingenommen haben, wird diese Funktion inzwischen mehr und mehr von Social Media übernommen. Panorama läuft zwar immer noch, wurde aber inzwischen von Twitter als Leitmedium bei der Entstehung von Shitstorms abgelöst.

Was diese partizipativen und kollaborativen Meinungsbildungsprozesse für die Politik, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft bedeuten, das beginnen wir gerade erst zu begreifen. Klar dagegen ist, dass die veränderte Diskussionskultur, deren markanteste Ausprägung der Shitstorm ist, unmittelbare Auswirkungen auf die Frage hat, wie wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen und wie wir mit Andersdenkenen umgehen. Das kann man derzeit beispielsweise an der von beiden Lagern fast ausschließlich emotional und oft unsachlich geführten Debatte über das Urheberrecht ablesen.

„Virtual Shitstorms – The Dynamics of intense Indignation in Social Media Networks”, so lautet der Titel des Forschungsprojekts, das ich gemeinsam mit Jürgen Pfeffer, Post-Doctoral Associate an der Carnegie Mellon University, ins Leben gerufen habe. Damit wollen wir einen Beitrag leisten, um die Dynamiken, durch die solche Empörungswellen verursacht werden, besser zu verstehen und gleichzeitig vielleicht auch das Bewußtsein für die sich verändernde Diskussionskultur schärfen. Teil des Projekts ist der Shitstorm-Radar, der die mediale Berichterstattung rund um das Thema auf Facebook und auf Twitter dokumentiert.

Shitstorms in der Aktuellen Medienbericherstattung:

Der Tagesspiegel, 2. April 2012
Shitstorm – Wie das Netzgetöse zum Medienereignis wird

Financial Times Deutschland, 2. April 2012
Schwarmintelligenz – Shitstorm und Demokratie 

Deutschlandradio Kultur, 29. März 2012
Surfen auf der Empörungswelle

 



Von Thomas Zorbach am 3. April 2012
in In eigener Sache, Journey 2012, Publikationen, Wissenschaft