„Die Deutschen können schnell hysterisch werden“: Interview mit Eric T. Hansen

Seitdem ich mich intensiver mit Shitstorms beschäftige, bin ich oft gefragt worden, woran es liegt, dass der Begriff ausgerechnet in Deutschland so eine steile Karriere gemacht hat („Anglizismus des Jahres 2011“). In den USA zum Beispiel, wo ich dieses Jahr einige Monate zugebracht habe, kennt man die Bezeichnung kaum, zumindest nicht in dem hierzulande gebräuchlichen Zusammenhang. Der US-Autor Eric T. Hansen liefert in dieser Frage einige interessante Erklärungsansätze. Hansen, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hat einen scharfen Blick für die kulturellen Unterschiede und versteht es, seine Beobachtungen auf unterhaltsame Art und Weise ihn Bücher zu verpacken. Zuletzt war er in der langen US-Wahlnacht im ZDF zu sehen, wo er die Rolle des Erklärbärs der amerikanischen Volksseele einnahm. In seinem Buch „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust“ (Fischer, 2011) vertritt Hansen die These, dass Kritisieren, Lästern und Quengeln, typisch deutsche Wesenszüge seien. Grund genug, Herrn Hansen einige Fragen zu stellen, wie er das Phänomen Shitstorm einordnet.

Mr. Hansen, Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal bei einem Shitstorm mitgemischt – auf Twitter genörgelt oder in einem Blog rumgenölt?

Das erste Mal, dass ich bei einem Shitstorm mitgemacht habe, hat mich auch geheilt. Es war aber lange vor Twitter, also vielleicht kein Shitstorm, eher so ein plötzlicher, heftiger Furz. In einer Sprachschule, wo ich gearbeitet habe, schrieb jemand irgend so eine allgemeine Klage über irgendwas – dass man gefälligst die Toilette hinter sich ordentlich verlassen sollte oder ähnliches. Sofort erschienen handgeschriebene Bemerkungen auf dem Blatt, vielleicht zehn Stück, von wegen man solle vor der eigenen Tür kehren, bevor man andere beschuldigt. Ich war nicht mal seiner Meinung, aber mir fiel zufällig eine unglaublich witzige, bissige Bemerkung ein, also schrieb ich sie hin. Scheinbar ging ich zu weit. Alle wussten sofort, wer das geschrieben hatte, und am nächsten Tag waren sie empört. Im Flur zischten sie mich an. Eine besonders hübsche Dame sagte, „Eric, ich hatte dich immer anders eingeschätzt – ich dachte, du hättest Niveau.“ Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich sie angebaggert, jetzt war es zu spät. Inzwischen wünsche ich mir, ich würde mich daran erinnern, was ich genau da geschrieben hatte. Es muss witzig gewesen sein.

Was bedeutet der Begriff „Shitstorm“ in den USA? Kennt man den Begriff dort überhaupt?

In Amerika ist der Begriff schnell wieder verschwunden. Es war einer dieser Begriffe, die sich lustig anhören, dann werden sie schnell von einem neuen lustigen Begriff ersetzt. Heute wüsste ich nicht, dass irgendjemand ihn noch benutzt. Aber in Deutschland hat es irgendwie die Fantasie der Leute angeregt. Vielleicht ist es einer dieser Begriffe, auf die die Deutschen gewartet haben. Hierzulande ist man fleißig dabei, immer neue gesellschaftliche Phänomene zu erleben, aber sehr faul darin, dafür Begriffe zu erfinden. „Political correctness“ zum Beispiel habe ich in den frühen 80ern in Deutschland erlebt, lange bevor es in den USA aufkam. Bei „Wetten dass…?“ fingen alle Gäste an, politisch korrekte (oder gar „moralisch korrekte“?) Wetten anzubieten. Bis dahin waren es lustige Wetteinsätze: „Wenn ich verliere, stehe ich nackt in der Fußgängerzone mit einem Plakat auf dem steht, ich bin ein Würstchen.“ Plötzlich waren die ganzen Stars lauter kleine Heilige: „Wenn ich verliere, verteile ich Würstchen an Arme. Und wenn ich gewinne, tue ich das auch.“ Aber in Deutschland hatte das Phänomen noch keinen Namen, bis die Amis ihn später erfanden. Also glauben alle, political correctness käme aus Amerika. Also, und im Mist über andere auskübeln waren die Deutschen auch schon lange ziemlich gut, schon, als die Welt noch analog war. Die Wut ließ sich nur nicht so schön spontan bündeln wie heute.

Entrüstungsstürme treten aber in den USA durchaus auch auf. Kürzlich traf es Burger King, als ein Mitarbeiter sich dabei filmte, wie er mit beiden Füßen im Krautsalat stand. Wodurch unterscheidet sich ein Shitstorm „Made in Germany“?

Na gut, wir Amis machen das auch, aber vom Gefühl her reagieren die Deutschen schneller und heftiger als Gruppe auf ein Thema. Vor allem auf ein kleines Thema. Nirgends werden Kleinigkeiten so ernst genommen wie hier. Christian Wulff hat mal bei einem Freund übernachtet, der viel Geld hat. Na und? In Amerika muss es schon Mord sein, dann ist es wichtig. In Deutschland geht es durch die Presse, und innerhalb von 12 Stunden ist es das Wichtigste, was es gibt, und jeder, wirklich jeder streitet sich darüber, wie diese Schwärme von Fischen, die sich plötzlich und alle gleichzeitig nach rechts oder links wenden, ohne dass es eine sichtbare Ursache gibt. Wenn die Fische es tun, ist es lustig. Wenn eine ganze Nation es tut, kann es einem Angst machen.

Was sind die Ursachen dafür, dass Shitstorms hierzulande so populär sind? Sind Shitstorms etwa ein typisch deutsches Phänomen?

Die Deutschen können schnell recht hysterisch werden, zum Beispiel zum Thema Beschneidung, und sie tun es alle gemeinsam. Tausend Jahre nichts, dann plötzlich muss jeder eine Meinung dazu haben und diese Meinung laut und heftig durchsetzen, bis man keine Lust mehr hat, dann geht man zum nächsten Shitstorm über. Vielleicht ist es eine Art der Massenkommunikation: Wir Amis haben das Gefühl, dass wir eine einige Nation sind, wenn wir am Unabhängigkeitstag die Hand übers Herz legen oder nach einer Schießerei allesamt trauern, dann aber geht es schnell zum Alltag über, und die Nation ist wieder gespalten – die eine Hälfte sagt, „Keine Waffen mehr“, die andere Hälfte sagt, „Fuck you, wir wollen erst recht mehr Waffen“, und die Gemeinsamkeit ist dahin. Das ist der Normalzustand. Die Deutschen dürfen ihre Hand nicht übers Herz legen. Die Gemeinsamkeit als Nation suchen sie, aber sie finden sie nicht in althergebrachten Bräuchen. Also suchen sie andere Dinge, die sie gemeinsam haben. Nichts vereint so gut wie ein gemeinsamer Feind, das wusste schon Bismarck. So funktionieren auch Shitstorms – plötzlich, ohne echten Grund, hassen alle, aber wirklich alle, Guido Westerwelle, auch diejenigen, die politisch völlig desinteressiert sind. Auch ich habe den armen Mann gehasst, und ich weiß bis heute nicht, warum. Eigentlich scheint er ein netter Kerl zu sein.

Eric T. Hansens aktuelles Buch trägt den Titel „Planet America“ und ist kürzlich bei Bastei Lübbe erschienen.

Aktuelle Einblicke in die Shitstorm-Forschung gebe ich heute Abend in der Sendung Bambule, moderiert von Sarah Kuttner, ZDF Neo ab 21:45 Uhr.



Von Thomas Zorbach am 29. November 2012
in Interviews, Shitstorms, Wissenschaft

Wie ich ein Interview für den Deutschlandfunk gab und warum wir jetzt die Fleischwurst des Internets sind

Ich lebe ja sonst ein sehr zurückgezogenes Leben in den brandenburgischen Wäldern, aber einem Journalisten ist es gelungen,
mich aufzuspüren und mir ein Interview zum Thema Virales und Guerilla Marketing zu entlocken.

Da ich es als schwierig empfinde, in einem Medium wie dem Radio verständlich rüberzubringen, wie genau virales Marketing funktioniert
und was genau das Unternehmen, sowie Kunden bringt, benutze ich gerne die Analogie des Wurstverkäufers in der Dorfmetzgerei:

Dort ist man früher als kleines Kind mit seiner Mutter zum Einkaufen mitgenommen worden.
Der Metzger kannte alle seine Kunden und ihre Vorlieben und hat sich die Zeit für ein Gespräch genommen.
Er war Teil einer Gemeinschaft und hat sich auch so verhalten.
Dieser Metzger konnte es sich gar nicht erlauben, unfreundlich zu sein oder gar schlechte Ware anzubieten,
weil sich das sonst im ganzen Dorf rumsprechen würde und dann alle zum Metzger im Nachbardorf gehen würden.

Damit der Nachwuchs auch was davon hat, gab es dann auch immer ein Stück Fleischwurst auf die Hand.

Und eigentlich versuchen alle Unternehmen irgendwie wieder genau dahin zurück zu kommen.

vm-people sind also die Fleischwurst des Internets.

Das finde ich ziemlich gut, wenn ich auch anmerken möchte, dass vm-people auch ausserhalb des Internets eine Fleischwurst sind.
Mit etwas Senf und einem Lächeln serviert.



Von vm-people am 8. Februar 2007
in Viral Stuff

NEON-Interview: „Wir nutzen die Gesetzmäßigkeiten von Epidemien“

Ich erinnere mich noch gut an ein Telefonat mit dem Redakteur eines weithin bekannten Werbe- und Marketingmagazins. Es war zu der Zeit, als wir mit vm-people an den Start gingen, also im Januar letzten Jahres. Ich hatte damals meine liebe Mühe meinem offensichtlich ziemlich desinteressierten Gesprächspartner zu vermitteln, was es mit dem Viralen Marketing auf sich hat und warum wir davon überzeugt sind, dass eine Spezialisierung auf diesem Gebiet der richtige Schritt zur richtigen Zeit ist.

So sehr ich mich damals auch bemühte, meine Überzeugungsversuche blieben ohne Erfolg. Der Redakteur meinte am Ende unseres Gesprächs, dass es sich beim Viralen Marketing „doch eher um ein randständiges Thema“ handele. Ohne Bedeutung für die Fachwelt in Deutschland.

Achtzehn Monate später hat das ehemalige Insider-Thema den Dunstkreis der Werbe- und Marketingwelt längst verlassen und taucht immer öfter auch in Publikumsmedien auf. Nach Berichten auf  und beleuchtet in diesem Monat das Magazin  verschiedene Praktiken des Viralen Marketing. Die kritischen Fragen stellte mir Ralf Grauel von der .

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Von vm-people am 2. September 2005
in Artikel, In eigener Sache