Was Shitstorms und Gerüchte gemeinsam haben

Gossip
Auch wenn Shitstorms inzwischen bekannt sind, so bleibt das Phänomen weiterhin ein viel beachtetes Medienthema. Irgendwas ist ja schließlich immer. Zuletzt hat es beispielsweise das Empfehlungsportal Yelp, den Schauspieler Sam Smith und das „Eltern“-Magazin getroffen. Auch wenn die Ursachen inzwischen zumindest teilweise erforscht sind, so ebben die Empörungswellen, die beinah täglich durch das Web schwappen, nicht ab.

Eine Frage, die mir – wie aktuell auf Web.de – in diesem Zusammenhang immer wieder gestellt wird, ist, ob es wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen gibt, mit denen man sich vor einem Shitstorm schützen kann. Genau dieser Teilaspekt bildet derzeit den Schwerpunkt meines Forschungsprojekts, an dem ich gemeinsam mit Prof. Dr. Jürgen Pfeffer von der TU München arbeite. Was kann man tun, damit sich die Wellen der Empörung gar nicht erst hochschaukeln?

Erste Erkenntnisse legen nahe, dass die Ausbreitungsmuster von Shitstorms Ähnlichkeiten mit der Verbreitung von Gerüchten aufweisen. Beim Ausbremsen beider Phänomene spielen nämlich sogenannte „glaubwürdige Quellen“ eine Schlüsselrolle. Vertrauenserweckende Fürsprecher, denen es gelingt, ihr Umfeld dafür einzunehmen, einen Sachverhalt differenziert oder zumindest aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Je mehr diese Fürsprecher aktiv werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, das Menschen in ihrer negativen Meinung destabilisiert werden und diese nicht mit Friends oder Followern teilen. Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Wer sich vor Shitstorms schützen will, sollte rechtzeitig ein stabiles Beziehungs- bzw. Fan-Netzwerk knüpfen, das einen in Krisenzeiten auffängt.

Siehe dazu auch:

„Pizza Talk IV: Fighting Back Shitstorms With An Army of Superfans“
Vortrag auf der Sunbelt-Konferenz in Newport Beach, USA am 6. April 2016



Von Thomas Zorbach am 4. März 2016
in Allgemein, Interviews, Shitstorms, Social Media

Pizza Talk IV: Fighting Back Shitstorms With An Army of Superfans

http://www.techinsider.io/star-wars-collectors-from-around-the-world-2015-12

Foto: Tech Insider

Die neue, vernetzte Medienkultur des digitalen Zeitalters hat einen neuen Fantypus hervorgebracht, den wir bei vm-people als Ultra-Fan bezeichnen, abgeleitet von der Ultra-Bewegung in der Fußball-Fanszene. Typische Kennzeichen eines Ultra-Fans sind unter anderem die hohe Emotionalität, das Bedürfnis nach Immersion und ein hohes Maß an Organisiertheit.

Während Ultra-Fans auf der einen Seite jeden Move ihres Fan-Objekts hyperkritisch begleiten, neigen sie auch dazu Partei zu ergreifen, wenn dieses ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Dieses Verhalten ist im Markenkontext von großer Bedeutung, vor allem in einer Zeit, in denen das Klima in den sozialen Medien immer rauher wird und zunehmend von Hate Speech und Shitstorms geprägt wird.

Von der Rolle von Ultra-Fans aka Superfans (Bezeichnung im amerikanischen Sprachraum) handelt das neuste Kapitel des Shitstorm-Forschungsprojekts, das ich mit Prof. Dr. Jürgen Pfeffer seit einigen Jahren verfolge. Erste Ergebnisse werden wir am 6. April auf der Sunbelt-Konferenz in Newport Beach, dem alljährlichen Gipfeltreffen der Netzwerkanalysten, präsentieren.

Hier der Abstract zu unserer Präsentation:

„Companies and their brands as well as politicians, governmental institutions, and celebrities increasingly face the impact of negative online WOM and complaint behavior. In reaction to any questionable statement or activity, social media users can create huge waves of outrage within just a few hours. These so-called „shitstorms“ pose new challenges for marketing communications in general and specifically for reputation management. The goal of any counter strategy is to individually destabilize as many people as possible in their negative attitude forming. Earlier research have shown that in this process so-called trusted sources come into play. Being a trusted source of information is, by definition, impossible for any company, politician, or other person or institution targeted by an upcoming online firestorm. Instead a target should be able to activate a critical mass of loyal advocates aka „superfans“. Superfans are a relatively new phenomenon in the culture of new media. The term describes loyal people or customers that are far more engaged then average fans. The behavior can be observed in cultural context such as sports or entertainment, but is not limited to these arenas. A network of loyal, well connected believable and therefore influential superfans may have a huge impact on the dynamics and diffusion of a shitstorm. In this talk we present first results of our endeavor to identify superfans in social media and to measure their possible alleviating role on the effects of shitstorms.“



Von Thomas Zorbach am 18. Februar 2016
in Allgemein, Konferenzen, Marken, Shitstorms, Wissenschaft

„New Media Culture“: Buch und Late Night Show

 

Foto: Christine Weitbrecht

Foto: Christine Weitbrecht

Nach langen Jahren intensiver Tätigkeit mit der vm-people GmbH für die Verlagsbranche und unzähligen Kampagnen für Titel multipler Genres (nur Erotik fehlt immer noch, leider!), fand ich mich unlängst in einer neuen, ungewohnten Rolle wieder. Als Herausgeber und Autor der Sachbuches „New Media Culture: Mediale Phänomene der Netzkultur“ war plötzlich eine Promotion für das eigene Werk gefordert.

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Was tun? Kollege Patrick Breitenbach hatte die grandiose, aber nicht ganz unaufwändige Idee, eine Late Night Show zu produzieren. Gesagt, getan: Und so wurden die Autoren an einem brütend heißen Sommertag vor laufender Kamera auf eine Bühne geschubst und vom Host Marcus John Henry Brown zärtlich in die Mangel genommen.

Das Ergebnis kann man sich hier ansehen:

Meine Ko-Autorin Christine Weitbrecht und ich standen zum Thema „Ultra Fandom“ Rede und Antwort. Passend zum Thema im Fan-Outfit. Neben diesem Sujet befindet sich noch ein zweiter Beitrag im Buch, an dem ich mitgewirkt habe. Zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Pfeffer gebe ich einen Einblick in unser „Shitstorm“-Forschungsprojekt, das wir 2012 an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh gestartet haben.



Von Thomas Zorbach am 10. Januar 2016
in Allgemein, Fans, Publikationen, Shitstorms

Pizza Talk III: Shitstorm-Vortrag auf der Sunbelt XXXIV

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Gestern war Showtime für die neusten Erkenntnisse aus der Shitstorm-Forschung. Bühne war die Sunbelt-Konferenz, auf der es um die Soziale Netzwerkanalyse geht und die in diesem Jahr in St. Pete Beach, Florida stattfindet. Die „Pizza Talks“ sind eine lose Serie von Vorträgen, die sich um wissenschaftliche Aspekte des Viralen Marketings drehen, ins Leben gerufen von meinem Forscherkollegen Prof. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University und mir.

Um unsere empirischen Beobachtungen und Überlegungen zum Shitstorm-Phänomen zu veranschaulichen haben wir uns ein Ereignis näher angeschaut, das im vergangenen Jahr in den USA für Aufsehen gesorgt hat: das „Rolling Stone“-Cover, das den mutmaßlichen Bombenleger des Boston-Marathons Dzhokhar Tsarnaev auf dem Titelbild zeigte. Ausgewertet haben wir US-Tweets mit Geo-Tag, die im Zuge einer Langzeiterhebung gesammelt wurden.

Bei der Analyse der Daten fiel unter anderem auf, dass beim „Rolling-Stone-Firestorm“ Bots und Spammer keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Diese Accounts greifen offenbar gezielt die Trending Topics ab, um ihre Follower-Anzahl zu erhöhen. Diese Beobachtung lässt den Schluss zu, dass der Ausbau der eigenen sozialen Reichweite eine weiterer Erklärungsansatz sein könnte, warum sich Menschen an einem Shitstorm beteiligen.



Von Thomas Zorbach am 22. Februar 2014
in Shitstorms, Social Media, Theoretische Aspekte, Vorträge & Seminare, Wissenschaft

„Die Deutschen können schnell hysterisch werden“: Interview mit Eric T. Hansen

Seitdem ich mich intensiver mit Shitstorms beschäftige, bin ich oft gefragt worden, woran es liegt, dass der Begriff ausgerechnet in Deutschland so eine steile Karriere gemacht hat („Anglizismus des Jahres 2011“). In den USA zum Beispiel, wo ich dieses Jahr einige Monate zugebracht habe, kennt man die Bezeichnung kaum, zumindest nicht in dem hierzulande gebräuchlichen Zusammenhang. Der US-Autor Eric T. Hansen liefert in dieser Frage einige interessante Erklärungsansätze. Hansen, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hat einen scharfen Blick für die kulturellen Unterschiede und versteht es, seine Beobachtungen auf unterhaltsame Art und Weise ihn Bücher zu verpacken. Zuletzt war er in der langen US-Wahlnacht im ZDF zu sehen, wo er die Rolle des Erklärbärs der amerikanischen Volksseele einnahm. In seinem Buch „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust“ (Fischer, 2011) vertritt Hansen die These, dass Kritisieren, Lästern und Quengeln, typisch deutsche Wesenszüge seien. Grund genug, Herrn Hansen einige Fragen zu stellen, wie er das Phänomen Shitstorm einordnet.

Mr. Hansen, Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal bei einem Shitstorm mitgemischt – auf Twitter genörgelt oder in einem Blog rumgenölt?

Das erste Mal, dass ich bei einem Shitstorm mitgemacht habe, hat mich auch geheilt. Es war aber lange vor Twitter, also vielleicht kein Shitstorm, eher so ein plötzlicher, heftiger Furz. In einer Sprachschule, wo ich gearbeitet habe, schrieb jemand irgend so eine allgemeine Klage über irgendwas – dass man gefälligst die Toilette hinter sich ordentlich verlassen sollte oder ähnliches. Sofort erschienen handgeschriebene Bemerkungen auf dem Blatt, vielleicht zehn Stück, von wegen man solle vor der eigenen Tür kehren, bevor man andere beschuldigt. Ich war nicht mal seiner Meinung, aber mir fiel zufällig eine unglaublich witzige, bissige Bemerkung ein, also schrieb ich sie hin. Scheinbar ging ich zu weit. Alle wussten sofort, wer das geschrieben hatte, und am nächsten Tag waren sie empört. Im Flur zischten sie mich an. Eine besonders hübsche Dame sagte, „Eric, ich hatte dich immer anders eingeschätzt – ich dachte, du hättest Niveau.“ Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich sie angebaggert, jetzt war es zu spät. Inzwischen wünsche ich mir, ich würde mich daran erinnern, was ich genau da geschrieben hatte. Es muss witzig gewesen sein.

Was bedeutet der Begriff „Shitstorm“ in den USA? Kennt man den Begriff dort überhaupt?

In Amerika ist der Begriff schnell wieder verschwunden. Es war einer dieser Begriffe, die sich lustig anhören, dann werden sie schnell von einem neuen lustigen Begriff ersetzt. Heute wüsste ich nicht, dass irgendjemand ihn noch benutzt. Aber in Deutschland hat es irgendwie die Fantasie der Leute angeregt. Vielleicht ist es einer dieser Begriffe, auf die die Deutschen gewartet haben. Hierzulande ist man fleißig dabei, immer neue gesellschaftliche Phänomene zu erleben, aber sehr faul darin, dafür Begriffe zu erfinden. „Political correctness“ zum Beispiel habe ich in den frühen 80ern in Deutschland erlebt, lange bevor es in den USA aufkam. Bei „Wetten dass…?“ fingen alle Gäste an, politisch korrekte (oder gar „moralisch korrekte“?) Wetten anzubieten. Bis dahin waren es lustige Wetteinsätze: „Wenn ich verliere, stehe ich nackt in der Fußgängerzone mit einem Plakat auf dem steht, ich bin ein Würstchen.“ Plötzlich waren die ganzen Stars lauter kleine Heilige: „Wenn ich verliere, verteile ich Würstchen an Arme. Und wenn ich gewinne, tue ich das auch.“ Aber in Deutschland hatte das Phänomen noch keinen Namen, bis die Amis ihn später erfanden. Also glauben alle, political correctness käme aus Amerika. Also, und im Mist über andere auskübeln waren die Deutschen auch schon lange ziemlich gut, schon, als die Welt noch analog war. Die Wut ließ sich nur nicht so schön spontan bündeln wie heute.

Entrüstungsstürme treten aber in den USA durchaus auch auf. Kürzlich traf es Burger King, als ein Mitarbeiter sich dabei filmte, wie er mit beiden Füßen im Krautsalat stand. Wodurch unterscheidet sich ein Shitstorm „Made in Germany“?

Na gut, wir Amis machen das auch, aber vom Gefühl her reagieren die Deutschen schneller und heftiger als Gruppe auf ein Thema. Vor allem auf ein kleines Thema. Nirgends werden Kleinigkeiten so ernst genommen wie hier. Christian Wulff hat mal bei einem Freund übernachtet, der viel Geld hat. Na und? In Amerika muss es schon Mord sein, dann ist es wichtig. In Deutschland geht es durch die Presse, und innerhalb von 12 Stunden ist es das Wichtigste, was es gibt, und jeder, wirklich jeder streitet sich darüber, wie diese Schwärme von Fischen, die sich plötzlich und alle gleichzeitig nach rechts oder links wenden, ohne dass es eine sichtbare Ursache gibt. Wenn die Fische es tun, ist es lustig. Wenn eine ganze Nation es tut, kann es einem Angst machen.

Was sind die Ursachen dafür, dass Shitstorms hierzulande so populär sind? Sind Shitstorms etwa ein typisch deutsches Phänomen?

Die Deutschen können schnell recht hysterisch werden, zum Beispiel zum Thema Beschneidung, und sie tun es alle gemeinsam. Tausend Jahre nichts, dann plötzlich muss jeder eine Meinung dazu haben und diese Meinung laut und heftig durchsetzen, bis man keine Lust mehr hat, dann geht man zum nächsten Shitstorm über. Vielleicht ist es eine Art der Massenkommunikation: Wir Amis haben das Gefühl, dass wir eine einige Nation sind, wenn wir am Unabhängigkeitstag die Hand übers Herz legen oder nach einer Schießerei allesamt trauern, dann aber geht es schnell zum Alltag über, und die Nation ist wieder gespalten – die eine Hälfte sagt, „Keine Waffen mehr“, die andere Hälfte sagt, „Fuck you, wir wollen erst recht mehr Waffen“, und die Gemeinsamkeit ist dahin. Das ist der Normalzustand. Die Deutschen dürfen ihre Hand nicht übers Herz legen. Die Gemeinsamkeit als Nation suchen sie, aber sie finden sie nicht in althergebrachten Bräuchen. Also suchen sie andere Dinge, die sie gemeinsam haben. Nichts vereint so gut wie ein gemeinsamer Feind, das wusste schon Bismarck. So funktionieren auch Shitstorms – plötzlich, ohne echten Grund, hassen alle, aber wirklich alle, Guido Westerwelle, auch diejenigen, die politisch völlig desinteressiert sind. Auch ich habe den armen Mann gehasst, und ich weiß bis heute nicht, warum. Eigentlich scheint er ein netter Kerl zu sein.

Eric T. Hansens aktuelles Buch trägt den Titel „Planet America“ und ist kürzlich bei Bastei Lübbe erschienen.

Aktuelle Einblicke in die Shitstorm-Forschung gebe ich heute Abend in der Sendung Bambule, moderiert von Sarah Kuttner, ZDF Neo ab 21:45 Uhr.



Von Thomas Zorbach am 29. November 2012
in Interviews, Shitstorms, Wissenschaft