Wahl-o-mat & Co. was wählen, wenn der Durchblick fehlt?

Nur noch wenige Tage bis zur
Bundestagswahl. Langsam wird es Zeit, sich ernsthaft Gedanken zu
machen, wen man wählt. Nun war es – dem Internet sei Dank – ja
niemals leichter, sich umfassend darüber zu informieren, was die einzelnen
Parteien und Kandidaten uns in den nächsten vier Jahren Gutes tun
wollen. Zugleich führt die schiere Fülle an Information bei manchem
Wähler jedoch eher zur Verwirrung.

Da ist es lobenswert, dass einige
Web-Anbieter es unternommen haben, uns die Wahlentscheidung zu
erleichtern. Verschiedene Internetangebote reduzieren die
Informationen auf wesentliche Punkte und machen Parteiprogramme so
vergleichbar. Doch weiß der Wähler am Ende wirklich, was zu tun ist?



Von vm-people am 24. September 2009
in Politisches Viral Marketing

Der Videobeweis im Wahlkampf- eine Frage des Stils

Schon immer standen Politiker unter besonderer Beobachtung durch den Wähler. In Zeiten von Handykameras und Youtube müssen sie sich aber darauf einrichten, dass jede Widersprüchlichkeit, jedes falsche Versprechen, jede Lüge von jedermann aufgezeichnet und verbreitet werden kann. Diese neue Transparenz hat Folgen für die politische Streitkultur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerade kürzlich musste NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bei einer Rede in Duisburg die leidvolle Erfahrung machen, dass er eben nicht allein zu den Teilnehmern einer Wahlkampfveranstaltung spricht, sondern dass potentiell die ganze Welt zuhört. Als er über die angeblich schlechte Arbeitsmoral von Rumänen herzog, wurde dies von einem Zuschauer per Videokamera aufgezeichnet und bei Youtube eingestellt. Verärgerte Reaktionen aus dem In- und Ausland waren die Folge, Rüttgers musste öffentlich Reue zeigen.

In Wahlkampfzeiten wurmt das die NRW-CDU natürlich besonders, und sie holt zum Gegenschlag aus. Inzwischen wurde eine Produktionsfirma angeheuert, die bei Wahlkampfauftritten von SPD-Landeschefin Hannelore Kraft potentiell kompromittierendes Videomaterial sammeln soll. Die CDU spricht von  „professioneller Gegnerbeobachtung“, Grünen-Geschäftsführerin Lemke von „Stalking“.

 

 

In den USA gab es schon im Jahr 2006 einen Fall, dessen Parallelen zur Rüttgers-Rede frappierend sind. Senator George Allen stürzte damals über eine (ebenfalls rassistische) Verunglimpfung eines Wahlkampfbeobachters aus dem Gegenlager, der Allens Auftritte regelmäßig mit der Kamera begleitete. Als Allen den indischstämmigen Mann zum wiederholten Male im Publikum erblickte, sprach er ihn als „Macaca“ an, was die Bezeichnung für eine nordafrikanische Affenart und zugleich ein Begriff ist, der unter französischen Kolonialherren in Afrika als abwertende Bezeichnung der dunkelhäutigen Einheimischen verwendet wurde. Allen entschuldigte sich zwar später für seine Wortwahl, doch wurde der Fall in den gesamten USA diskutiert und trug nach allgemeiner Auffassung zur Wahlniederlage Allens bei.

 

 

Auch Ursula von der Leyen hat womöglich unterschätzt, welch gefährliches Instrument das Internet im politischen Wettbewerb sein kann. Und das, obwohl sie schon seit Längerem vor den Gefahren des Netzes warnt. Mit ihrer Gesetzesinitiative für Internetsperrungen von Kinderpornoseiten ist sie bekanntlich gegen angeblich „rechtsfreie Räume im Internet“ vorgegangen. Bürgerrechtsbewegte Netzaktivisten kritisieren ihr Vorgehen heftig und sprechen von Zensur. Als von der Leyen dann kürzlich bei einer Wahlkampfrede im Saarland dabei gefilmt wurde, wie sie die Sperrungen mit recht populistischen Argumenten verteidigte, liefen die User bei Netzpolitik.org Sturm angesichts solcher „Demagogie“ (über 400 Kommentare im Blog).

Jüngstes Beispiel für einen per Youtube-Film ausgelösten Aufreger ist das Polizei-Prügel-Video, das auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration am vergangenen Wochenende in Berlin entstand. Ohne ersichtlichen Grund wird darin ein Demonstrant von Polizisten geschlagen. Da es sich um eine Demo von Netzaktivisten handelte, verbreitete sich das Video mit rasanter Geschwindigkeit und wurde mit großer Leidenschaft in den Blogs diskutiert.

Angesichts dieser Häufung von Skandalen, die anhand von „Videobeweisen“ überhaupt erst öffentlich wurden, lohnt es sich, über die Folgen der „neuen Transparenz“ einmal vertieft nachzudenken. Sicher war es in jedem der genannten Fälle gut und richtig, dass die Verfehlungen der Amts- und Würdenträger ans Licht kamen. Ich frage mich allerdings, ob durch die Omnipräsenz von Videokameras der politische Streit nicht übermäßig aufgeheizt wird. Wenn sich politische Gegner nur noch mit gezückter Videokamera gegenüberstehen, ist zivilisierter Umgang miteinander von vornherein ausgeschlossen. Man muss sich das Prügelvideo einmal genau anschauen und mitzählen, wie viele Demonstranten eine Kamera tragen – und das ausgerechnet auf einer Demo gegen Überwachung! Und die Polizei filmte natürlich zurück, wie in Minute 1:15 zu sehen.

 

Angesichts dieser Eskalation des Meinungskampfes tut es ganz gut, wenn man im Netz gelegentlich Angebote entdeckt, die Politiker auf ganz klassische Weise bloßstellen, indem sie sie mit ihren Wahlversprechen konfrontiert. Womöglich stört den Bürger an seinem Abgeordneten ja viel weniger dessen Meinung als vielmehr die Tatsache, dass der diese Meinung aus Opportunitätsgründen so häufig ändert. Solche Fälle aufzudecken, ist eine neue Monitoring-Plattform mit dem Titel Wahlversprechen.info  angetreten. Hier werden Aussagen von Politikern und Parteien vor Wahlen gesammelt und festgehalten – ein „kollektives Langzeitgedächtnis“ für Wahlversprechen also.

 

 

Damit sind die Wähler für den Wahlkampf bestens gerüstet. Am Infostand dem Kandidaten statt der Kamera einfach mal sein „Geschwätz von gestern“ vorhalten – auch das wirkt. Und es hat Stil.



Von vm-people am 17. September 2009
in Politisches Viral Marketing

Ohne Wahlspot kein Wahlkampf- die Video-Kampagnen der Parteien

Langsam kommt der Wahlkampf in seine heiße Phase. Das ist dann auch die Zeit der Wahlkampfspots im Fernsehen, in denen strahlende Politiker in blühenden Landschaften auf gut gelaunte Bürger treffen. Das kann ziemlich langweilig sein – Wahlwerbung ist eben auch nur Werbung.

Der Videowahlkampf im Internet hat schon etwas früher begonnen. Und im Netz gelten andere Gesetze als im Fernsehen. Wo Clips ganz einfach weggeklickt werden können, ist Langeweile Gift. Das wissen die Parteien und versuchen mit unterschiedlichen Strategien, ihre Videobotschaften interessant zu machen.                                          

Strategie 1: User-generated Content

Schon Tom Sawyer wusste, dass es bei geschicktem Vorgehen möglich ist, andere für sich arbeiten zu lassen und dafür sogar selbst entlohnt zu werden. So überzeugte er die eigenen Freunde, dass es eine große Ehre sei, den Zaun seiner Tante Polly zu streichen und ließ sich das „Recht“, den Pinsel zu schwingen, für allerlei Schätze abkaufen. Ähnlich verfahren heute die Parteien und nennen ihr Vorgehen „Crowdsourcing“. So ließ die SPD von der Netzgemeinde ein Logo für ihren Spitzenkandidaten entwickeln. Wobei bis heute unklar ist, wozu dieser ein Logo benötigt – es sollten wohl eher Netzaffinität und Offenheit demonstriert werden. Im Netz reagiert man so auf’s neue Logo.

Die Grünen sind bei der Produktion ihres Fernsehwerbespots einen ähnlichen Weg gegangen. Unter dem Motto „Du drehst das“ wurden Unterstützer aufgerufen, Videobotschaften über ihre Vorstellungen von einer besseren Welt einzusenden. „Aus diesen und weiteren Aufnahmen“, so schreibt Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke, „ist jetzt ein bunter Blumenstrauß voller Ideen und Statements für ein nachhaltiges und grünes Leben geworden“, der auf Youtube und in Kürze im Fernsehen bewundert werden kann. Wie groß der Rücklauf war und welcher Anteil des Spots „aus weiteren Aufnahmen“ erstellt werden musste, ist allerdings unbekannt.

Im SPD-Umfeld kursiert momentan ein Spot , der angeblich ebenfalls von Nutzern stammt und nicht von der Wahlkampfzentrale in Umlauf gebracht wurde. Wobei es hierfür natürlich keine Garantie gibt. „Das Spiel mit dem unbekannten Absender ist derzeit als Buzz-Strategie augenscheinlich recht beliebt.“, wie Robin Meyer-Lucht auf CARTA schreibt.

Jedenfalls ist der Spot gut gemacht: Prägnante Idee, klare Gestaltung, dadurch einfach zu realisieren, schöner Überraschungseffekt. Ein echtes Web-Video mit viralem Potential. Doch wer auch immer dahintersteckt, eines ist sicher: Der Spot ist ein Remake. Die Vorlage stammt aus dem argentinischen Präsidentschaftswahlkampf von 2003

Strategie 2: Making of…

Aus dem Obama-Wahlkampf haben die Parteien gelernt, dass Authentizität und Nähe die Schlüsselbegriffe eines modernen (Internet-)Wahlkampfes seien. Dem versuchen CDU und SPD gerecht zu werden, indem sie ein paar Blicke hinter die Kulissen ihrer Wahlkampfmaschinerie zulassen. Allerdings ist das, was unter „Nahaufnahme“  von der CDU  bzw. „Nordkurve“  von der SPD angeboten wird, für meinen Geschmack doch zu inszeniert und zu ausproduziert, um wirklich ein Gefühl des Dabeiseins zu erzeugen. Man schaut sich das an wie eine ganz gewöhnliche TV-Reportage. Warum wird der Zuschauer nicht direkter angesprochen? Die Stärke des Video-Wahlkampfes von Obama war es, auf Augenhöhe zu kommunizieren, die Menschen hineinzuziehen und sie mit konkreten Handlungsanweisungen zum Mitmachen zu animieren. Dass das in diesem deutschen Wahlkampf gelingen würde, hielten die Parteien wohl selbst für unrealistisch .

Strategie 3: Remix

Über die Kultur des Remixens ist zuletzt viel geschrieben worden, an prominentester Stelle von Stanford-Professor Lawrence Lessig, der ein neues Urheberrecht für das digitale Zeitalter fordert. Ohne dass auf formal-juristischer Ebene bisher  Reformschritte absehbar wären, treibt das Remixen im Netz bunte Blüten und ist inzwischen auch im Wahlkampf angekommen. Auf Netzpolitik.org gab es kürzlich einen geradezu exemplarischen Streit darüber, ob es zulässig sei, CDU-Wahlplakate zu remixen. Der Streit ist inzwischen beigelegt. Dennoch ist die CDU, die sich eher für ein traditionelles Urheberrecht stark macht, weiterhin die beliebteste Zielscheibe von „Angriffen“ aus der Remix-Szene. Es werden sogar Generatoren entwickelt, mit deren Hilfe man CDU-Plakate remixen kann – Ergebnisse sieht manhier.

Interessant an der Sache ist, dass auch einige Remix-Videos aus dem CDU-Lager im Netz kursieren, obwohl gerade in der Union ein sehr traditionelles Verständnis vom Schutz geistigen Eigentums herrscht.

 

Neben diesen User-generierten Videos haben SPD und Grüne das Remixen selbst in die Hand genommen und in ihren offiziellen YouTube-Kanälen „SPDvision“ und „KanalGrün“ zwei satirische Filmchen eingestellt:

Fazit

Was das Ganze bringt, lässt sich schwer sagen. Es bleibt zu vermuten, dass die vorgestellten Videos – ob von den Parteien oder von Usern entwickelt – nur einen Bruchteil der Wahlbevölkerung erreichen werden. Allerdings, und das ist das Neue, hat der Normalbürger mit einer guten Idee erstmals potentiell die Chance, mit geringem Aufwand relativ viel Aufmerksamkeit zu erlangen.

 

Dass aber auch die klassische Herangehensweise der Wahlwerbung nicht per se veraltet und schlecht sein muss, zeigt die CDU mit ihrem Angela-Merkel-Spot.

Wie hier in 1:30 politische Bot- und persönliche Eigenschaften der Kanzlerin verdichtet und in Bilder übersetzt werden, ist ganz großes Kino. Ich glaube, das wirkt – im Fernsehen und auf dem Bildschirm.



Von vm-people am 9. September 2009
in Politisches Viral Marketing

Grüne Jobs für alle- wie die Grünen ihre Unterstützer für sich arbeiten lassen

Ein Grüner zu sein ist bestimmt sehr anstrengend. Wer je eine Bundesdelegiertenkonferenz am Fernsehen verfolgt hat, auf der sich Fundis mit Realos, Basis mit Parteiführung und irgendwie jede mit jedem zofft, weiß was gemeint ist. Und wer wie ich sogar einmal eine grüne Ortsgruppensitzung in der nordhessischen Provinz miterlebt hat, auf der es Konsens nur in einer Frage gab, dass nämlich hier und heute die Welt zu retten sei, der wird in dieser Ahnung bestätigt. Aber fasziniert haben sie mich schon immer, die Grünen. Denn im Gegensatz zu SPD-Parteitagen, von denen ich schon mehrere erlebt habe, war bei den Grünen eines doch stets zu spüren: Leidenschaft.Was in den Ebenen der Alltagspolitik befremdlich und bremsend wirken kann, ist im Wahlkampf allerdings ein Segen. Wer Engagement und Leidenschaft mitbringt, ist eher als andere für’s Mitmachen zu begeistern. Und wer selbst motiviert ist, der mobilisiert auch andere. Ganz offensichtlich hat die Parteiführung das verstanden. In diesen Wochen, in denen der Wahlkampf Fahrt aufnimmt, zeigt sich, wie geschickt die Grünen ihre Wählerbasis in die Kampagne einbeziehen. Dazu im Folgenden einige Beispiele.

„Grüne Jobs für alle – wie die Grünen ihre Unterstützer für sich arbeiten lassen “ vollständig lesen



Von vm-people am 22. Juli 2009
in Politisches Viral Marketing

„Amerikanische Verhältnisse“- ja bitte! Pläsoyer für mehr Personalisierung im Wahlkampf

Die Europawahlen sind vorbei und allerorten ist das Klagen groß über die geringe Wahlbeteiligung. Jetzt beginnt die Suche nach Erklärungen: Sind die Wähler zu faul, um sich eingehend mit Europapolitik und –politikern zu beschäftigen? Haben die Parteien Europathemen ignoriert und stattdessen einen vorgezogenen Bundestagswahlkampf geführt? Waren die Medien unfähig, zu erklären, worum es eigentlich ging?

Wahrscheinlich stimmen alle Erklärungsversuche ein bisschen. Europapolitik ist kompliziert zu vermitteln, weil (tatsächlich oder vermeintlich) weiter weg vom Alltag der Bürger, die Leute haben wenig Lust, sich in die Materie einzuarbeiten. Ich glaube aber, dass die Parteien den entscheidenden Fehler selbst machen, denn sie trauen ihren eigenen Programmen und vor allem ihren eigenen Kandidaten nicht zu, die Wähler zu begeistern. Stattdessen besetzen die altbekannten Gesichter wie Merkel, Müntefering und Westerwelle mit den altbekannten bundespolitischen Themen die Talkshowsitze und Wahlkampfbühnen. Aber gerade wenn die Inhalte unklar sind und für sich genommen nicht ziehen, gehören Menschen ins Rampenlicht, die sich für die Themen engagieren und die sie deshalb auch am besten erläutern können – die Europapolitiker selbst also. Die Schlagworte für einen besseren Wahlkampf lauten aus meiner Sicht: Personalisierung und Dialogorientierung.

Personalisierung
Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass EU-Parlamentarier in erster Linie abgehalfterte Bundespolitiker seien („Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“). Das kann man so sehen (Bütikofer, Bisky), doch sind mindestens ebenso viele Menschen auf den Parteilisten erfahrene Europfachleute (Pöttering, Schulz) oder junge Ein- und Aufsteiger (Koch-Mehrin, Giegold), die über Europa den Weg in die große Politik  suchen. Diese Leute haben doch eine Lebensgeschichte und eine Motivation, sich politisch zu engagieren. Warum erfahren wir darüber so wenig?

Das Internet bietet heute die Chance, ohne großen Kostenaufwand ins Detail zu gehen. Während es früher praktisch nur drei Abstufungen an Wahlkampfmaterial gab (einseitiges Plakat/Flyer, mehrseitiges Leporello und dickes Wahlprogramm), ist die informationelle Tiefe eines Wahlkampfes heute theoretisch unendlich. Bisher werden vertiefte Informationen allerdings vor allem auf der sachlichen Ebene angeboten, über die Kandidaten finden sich auf den Wahlkampf-Webseiten der Parteien allenfalls steckbriefartige Informationen (s. SPDGrüneLinke). Manche Parteien verlinken vom Steckbrief auf die persönlichen Seiten ihrer Kandidaten, die aber nicht einheitlich strukturiert und gestaltet sind, wodurch der Gesamteindruck etwas zerfasert. Politiker anderer Parteien haben überhaupt keine persönlichen Webseiten oder Netzwerk-Profile oder diese werden nicht verlinkt (s. die Linke).

So bleibt es extrem mühsam, etwas über die Menschen hinter den Manifesten und Programmen herauszufinden.

Dialog
Das Internet ermöglicht aber nicht nur einseitige Kommunikation durch Veröffentlichung von Informationen, sondern eben auch den Dialog. An dieser Stelle ist der Wandel gegenüber zurückliegenden Wahlkampfzeiten wahrscheinlich noch eklatanter.

Früher war ein direkter Kontakt zum Kandidaten nur in Ausnahmefällen oder mit hohem Aufwand möglich. Man musste Bürgersprechstunden besuchen oder das Glück haben, den Kandidaten samstags in der Fußgängerzone am Infostand anzutreffen. Häufig war er dort aber bereits ins Gespräch mit einem älteren Herrn verwickelt, in das man sich aus Anstandsgründen nicht einmischen wollte und von dem man deshalb nur Wortfetzen („Rentenstrafrecht“, „Diätenabzocke“) mitbekam.  Längere ernsthafte Gespräche mit dem Kandidaten waren in solchen Situationen kaum möglich und wenn, dann konnte jeweils nur ein Bürger mit dem Politiker reden.

Heute kann ein Kandidat über’s Internet eine Konversation mit einem oder mehreren Interessierten führen, die auch für andere offen und sichtbar ist – z.B. über Twitter. Jedermann kann mitlesen, per Hashtag (#) lässt sich der Dialog thematisch strukturieren. Ausführliche Briefwechsel lassen sich über z.B.abgeordnetenwatch.de führen und verfolgen.

Über diverse Web-Dienste (Skype1000mikes) lassen sich Telefon- bzw. Videokonferenzen oder Webcasts organisieren, in die sich jedermann live einschalten kann oder die später als Audiofile angehört werden können.

Per Meetup oder auch Facebook können Veranstaltungen und Treffen mit dem Kandidaten kollaborativ geplant werden.

Einwände gegen einen Strategiewechsel weg von den Inhalten und hin zu den Personen gibt es viele. Zum einen sind mit den angesprochenen Dialog-Werkzeugen im Moment nur Randgruppen zu erreichen. Doch diese Tools dürften sich zunehmend etablieren und wichtiger werden. Auch wenn das Internet auf absehbare Zeit nicht zum Leitmedium wird, so eignet es sich doch bestens zur Ergänzung und vor allem zur Vertiefung des persönlichen Eindrucks, der über die klassischen Medien gewonnen wurde.

Auch mag man die Personalisierung von Politik grundsätzlich für zweifelhaft halten und als „Amerikanisierung“ abtun. Ich glaube aber, dass es in einer immer unübersichtlicheren Welt ein gesunder menschlicher Impuls ist, Komplexität zu reduzieren, den Blick von den inhaltlichen Details abzuwenden und mit dem Bauch nach persönlicher Sympathie zu entscheiden. Im übrigen halte ich das auch für legitim: Ich möchte einfach wissen, wer da für mich in Straßburg sitzt und warum er dorthin will.

Außerdem, und das ist wohl der entscheindende Punkt, steckt in der Frage „Inhalt oder Person?“ ja in Wahrheit kein Gegensatz. Glaubwürdigkeit entsteht immer da, wo sich Person und Programm auf nachvollziehbare Weise ergänzen. Und dazu muss man eben nicht nur das Programm kennen, sondern auch etwas über die Personen wissen.



Von vm-people am 10. Juni 2009
in Politisches Viral Marketing