History repeating? Sebastian Fitzek und der deutsche Thriller

„Ein deutscher Psychothriller funktioniert nicht“, lautete die lapidare Begründung mit der Sebastians Fitzeks erstes Manuskript im Jahr 2005 von (fast) allen Verlagen abgeschmettert wurde. Nach sieben Jahren und über zwei Millionen verkauften Büchern steht heute fest: der Autor hat alle Skeptiker Lügen gestraft und einen großen Anteil daran, dass das deutsche Thrillergenre inzwischen salon- und marktfähig geworden ist. Beste Voraussetzungen also, so möchte man meinen, die Bücher auch erfolgreich auf die Leinwand zu bringen. Doch weit gefehlt, denn die Geschichte schien sich zu wiederholen.

„Deutsche Thriller funktionieren nicht“, waren sich die (meisten) Filmproduzenten, Förderungsanstalten, Verleihfirmen und Kinobetreiber einig, als sich Fitzek, gemeinsam mit einigen Verbündeten im letzten Jahr daran machte, seinen Roman „Das Kind“ zu verfilmen. Der Film erzählt die Geschichte von Simon Sachs, einem Zehnjährigen, der glaubt in seinem vorangegangen Leben, ein Serienmörder gewesen zu sein. Gemeinsam mit seinem Freund Zsolt Bász, der die Regie übernahm, gelang es Fitzek ein internationales Starensemble für die Verfilmung zu verpflichten, allen voran Hollywoodgröße Eric Roberts. Was das Team gegen alle Widerstände auf die Leinwand gebracht hat, kann es, trotz überschaubarer finanzieller Mittel, mit dem ganz großen Kino aufnehmen. Aber was hilft’s wenn deutsche Thriller im Kino angeblich nicht funktionieren?

Was die Entscheidungsträger in der Filmbranche bei ihrer Einschätzung nicht auf dem Schirm hatten, ist das treue, verschworene Publikum, das Fitzek über die Jahre mit seinen Büchern aufgebaut hat. Folgerichtig tat die Filmcrew von Anfang an alles, um die Fitezk-Fans an der Produktion partizipieren zu lassen. Dreh- und Angelpunkt des Dialogs ist eine Facebook-Seite, die parallel zum Drehstart, im Mai 2011, ins Leben gerufen wurde. Auf der Page werden nicht nur regelmäßig Updates zum Film veröffentlicht zum Beispiel Setfotos oder kurze Clips, sondern auch Aktionen durchgeführt, die zum Ziel haben den Fans, ähnlich wie bei der Independant-Produktion „Iron Sky“, das Gefühl zu vermitteln, dass sie eine tragende Rolle beim Gelingen des Filmprojekts spielen. So wurden unter anderem Statistenrollen ausgeschrieben und verlost. Dass die Fans buchstäblich ein Teil des Films sind, wird besonders im Abspann deutlich in dem über 10.000 Unterstützer namentlich genannt werden.

Der vorläufige Höhepunkt des Fan-Involvements bildete am 30. Juli die Trailer-Premiere in Berlin, an der rund 500 Leute vor Ort teilnahmen. Online konnte die Veranstaltung per Livestream mitverfolgt werden, der aber nach kurzer Zeit unter dem Ansturm Tausender Fans komplett zusammenbrach. So bekamen zunächst nur Wenige die Ankündigung einer deutschlandweiten Preview Night am 29. August. „Hol Das Kind in deine Stadt“ ermöglichte den Fans den Film bereits vor dem offiziellen Start am 18. Oktober zu sehen. Per Facebook-Voting wurden vorab 15 Städte ermittelt, in denen der Film gezeigt wird, vorausgesetzt mindestens 217 Leute pro Stadt lösen einen Gutschein beim Online-Ticket-Service Eventbrite. Die frohe Kunde von den bevorstehenden Previews verbreitete sich viral unter den Fans und erzielte in kürzester Zeit eine Reichweite von knapp 270.000 Personen, allein auf Facebook.

Als Teil der „Das Kind“-Filmcrew unterstützen wir das Team um Sebastian Fitzek bei den Social Media Maßnahmen und versuchen unseren Teil dazu beizutragen, dass der Film das Publikum findet, das er verdient. Ich persönlich habe eine ganz besondere Beziehung zu diesem Projekt, weil wir mit vm-people seinerzeit auch die Kampagne zum Buch „Das Kind“ inszeniert haben, das Alternate Reality Game „Push 11“. Und so wie es aussieht stehen die Zeichen nicht schlecht, dass sich auch die Erfolgsgeschichte von „Das Kind“ wiederholen wird. Denn innerhalb von nur 10 Tagen haben die Fitzek-Fans in ganz Deutschland dafür gesorgt, dass die erforderliche Gutschein-Bestellmenge 217 in allen angekündigten Städten erreicht war. Allein in Berlin wollen über 2.000 Menschen „Das Kind“ im Preview sehen, weshalb ein ganzes Multiplexkino mit mehreren Sälen angemietet wird. Das schafft sonst nur Harry Potter oder der Herr der Ringe!

Die Webseite zum Film
Facebook-Seite



Von Thomas Zorbach am 15. August 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Fans

Shitstorm-Saison 2012: Frustration oder Manipulation?

Gäbe es so etwas wie eine Hurricane-Saison in Social Media, viel spräche dafür, dass wir uns in Deutschland gerade mittendrin befinden. Innerhalb kürzester Zeit wurden Vodafone, McDonald’s, und das ProSieben-Magazin Galileo von Shitstorms bisher unbekannten Ausmaßes getroffen. Brutstätte in allen Fällen ist Facebook. Ausgelöst durch einzelne Nutzerbeiträge, bauten sich innerhalb weniger Stunden gigantische Proteststürme aus „Likes“ und Kommentaren auf, die sich in hoher Geschwindigkeit durch das soziale Netzwerk verbreiteten.

Aufgrund des schnellen Aufeinanderfolgens der Ereignisse und gewisser Ähnlichkeiten in den Verbreitungsmustern wird im Web derzeit darüber spekuliert („Der gekaufte Shitstorm“), ob die Vorfälle möglicherweise durch Manipulation herbeigeführt worden sind zum Beispiel durch den Einsatz von gefälschten Facebook-Profilen. Obwohl solche Profile vielerorts feil geboten werden und eine gezielte Beeinflussung der Interaktionsrate von Facebook-Meldungen technisch möglich erscheint, halte ich die Beweislage für unzureichend und nicht überzeugend.

Quelle: Kai Thrun

Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die jüngsten Vorkommnisse das Ergebnis von organischen Netzwerkeffekten sind, deren Ursache in den viralen Funktionen von Facebook begründet liegen. Wenn dann hinzukommt, dass einem Unternehmen wie Vodafone aufgrund wahrgenommener Defizite im Servicebereich eine hohen Anzahl von Gegnern mit einer niedrigen Toleranzschwelle gegenüberstehen, die auf eine passende Gelegenheit warten, ihren angestauten Frust loszuwerden, finde ich ein Ergebnis von mehreren Tausend „Likes“ und Kommentaren im Verlauf von nur wenigen Stunden nicht weiter verwunderlich. Facebook-Seitenbetreiber wie McDonald’s oder Galileo, die über 1 Million „Gefällt mir“-Klicks erreicht haben, müssen solche Phänomene künftig auf dem Schirm haben und ihr Handlungsrepertoire dahingehend erweitern, dass sie vor einem solchen Kritikeransturm gewappnet sind.

Gegen die Manipulationsthese sprechen auch die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt, an dem ich gemeinsam mit Dr. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University arbeite. Jürgen Pfeffer hat in einem Simulationsmodell nachgewiesen, dass geringfügige Veränderungen im Kommunikationsverhalten von Social Media-Nutzern aufgrund der lokalen Cluster-Struktur interpersonaler Kommunikationsnetzwerke große Auswirkungen haben können. Der Kurvenverlauf im Fall von McDonald’s und Galileo – das schnelle Ansteigen der Kommentarhäufigkeit und ihr ebenso rapides Absinken – ähnelt auf frappierende Weise den Ergebnissen aus unserer Simulation.


Quelle: Pfeffer, Zorbach

Über unsere Forschungsergebnisse habe ich kürzlich mit Holger Schmidt, Redakteur beim FOCUS Magazin und Betreiber des „Netzökonomie-Blog“, gesprochen. Das Interview ist diese Woche erschienen – in der Printausgabe Nr. 32/6. August 2012 und online.

„Netzwerkeffekte überlagern kognitive Effekte“
Facebook-Wutwelle trifft McDonald’s
Der gekaufte Shitstorm
Shitstorm über „Galileo“: So reagiert ProSieben auf derbe Vorwürfe
Shitstorms die Dynamiken von Empörungswellen in Social Media: Studie von Dr. Jürgen Pfeffer (Carnegie Mellon) und Thomas Zorbach (vm-people)
How to survive a Shitstorm: Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica 2010



Von Thomas Zorbach am 9. August 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, In eigener Sache, Interviews, Shitstorms, Wissenschaft

Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace?

„Standing alone in the pyrenees, pretending to be myself, pretending to be someone else, in a real life role play version of my own novel. Just how bizarre is that?“ So versuchte Sean Thomas alias Tom Knox, Autor von „Cagot“, sein Innenleben während des Alternate Reality Game-Showdowns im Baskenland mit Live-Tweets in Worte zu fassen. Dass Autoren von ihren Figuren, die sie erschaffen haben heimgesucht und um den Schlaf gebracht werden, hört man immer wieder. Die immersive Wirkung eines Alternate Reality Games kann jedoch ungleich höher sein und mitunter gar ein Reality Distortion Field verursachen wie im Fall von Tom Knox.

In der dritten Folge der Kaninchengespräche rund um Immersion, Transmedialität und Storytelling widmen wir uns ganz der Perspektive des Autors. Von Stephan M. Rother, Autor des Psychothrillers „Ich bin der Herr deiner Angst“ (Rowohlt), erfahren wir aus erster Hand welche Erfahrungen er beim gleichnamigen Alternate Reality Game mit dem transmedialen Erzählen gesammelt hat. Wie erlebt es ein Autor, wenn seine Story auf diese Weise vermarktet wird? Was geht in ihm vor, wenn er eine Figur verkörpert, die er selbst erschaffen hat und von der er weiß, dass sie im Roman auf bestialische Weise ermordet wird? Und welche Beziehung entwickelt er zum Publikum, das bei einem ARG entscheidenden Einfluss hat, wie sich die ganze Geschichte entwickelt?

Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace? by vm-people

Aus Produzentensicht ist es immer förderlich wenn der Autor ein gewisses Verständnis für die Materie mitbringt. In dieser Hinsicht war Stephan M. Rother ein absoluter Glücksfall. Denn mit „Magister Rother“ hatte er einerseits bereits während seiner Studienzeit eine Bühnenfigur erfunden und verkörpert. Anderseits hatte er im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit Artikel für Rollenspielmagazine geschrieben. Wir mussten ihn also nicht lange bitten, die Rolle des unglückseligen Kriminalkommissars Hartung zu übernehmen. Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit, Stephan. M. Rother!

Der Autor in Action – Stephan M. Rother als Hauptkommissar Ole Hartung in einer Ingame TV-Reportage

Das Interview führte Patrick Breitenbach. Der Intro-Track by Codex Machine, „You can never escape the underground“

Dieser Podcast ist Teil einer Mini-Serie um die Themen Immersion, Transmedialitä und Storytelling:

Kaninchengespräche #001: Der Puppetmaster – ein moderner Geschichtenerzähler packt aus
Kaninchengespräche #002: Das Publikum – Mittendrin statt nur dabei
Kaninchengespräche #003: Der Autor – Lost in Storyspace?
Kaninchengespräche #004: Der Verlag – Vom Leser zum Erleber? (folgt)



Von Thomas Zorbach am 7. Mai 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Alternate Reality Games, Das weiße Kaninchen, Journey 2012, Podcast, Transmedia Storytelling

I love Moo oder Note Eins in Mass Customerization

Wer länger im Ausland zu tun und abseits eines Büros den ein oder anderen Arbeitseinsatz zu bewältigen hat, ist mitunter aufgeschmissen. Ich zum Beispiel habe auf meiner USA-Odyssee keinen Printer dabei, jedoch hin und wieder Druckaufträge zu vergeben. Nachdem ich in Pittsburgh mein Glück in mehreren Copyshops versucht hatte und mit meinen Sonderwünschen mindestens einen Angestellte in den Wahnsinn getrieben habe, bekam ich irgendwann den guten Tipp, es doch einmal mit Moo zu probieren, einem Online-Printservice.

Nun, ich kann sagen, dass ich schon beim ersten Mal vom Skeptiker zum Fan konvertiert wurde. Die Webseite ist nicht nur ein Musterbeispiel in Usability, sondern sieht obendrein noch sehr nett aus. Okay, das kann man vielleicht auch von einem Angebot erwarten, das hauptsächlich auf web-affine, und designorientierte Nuzter abzielt. Meine Begeisterung speist sich aus anderen Elementen. Zum Beispiel wurde mir die Lieferung, die ich jederzeit tracken konnte, mehrere Tage früher zugestellt, als angekündigt.

Richtig gelungen finde ich die Art und Weise der Mass Customerization, sprich die automatisierten, aber dennoch personalisierten Mitteilungen, die mir Moo schickt. Jeder kennt die lieblosen Standardtexte, die beispielsweise nach erfolgtem Log-In oder nach einer Bestellung im E-Mail-Postfach landen. Nicht so bei Moo. Hier wird augenzwinkernd und auf Basis einer schlüssig durch deklinierten Corporate Identity Kundenansprache betrieben.

Hier die Mail, die ich nach erfolgtem Druckauftrag erhielt, im Wortlaut:

Hallo Thomas,

ich bin Little MOO – die Software, die deine Bestellung bearbeitet.
Gleich wird sie an Big MOO weitergeleitet. Das ist unser Drucker, der
deine Bestellung in den nächsten Tagen drucken wird. Ich sag dir dann
Bescheid, wenn sie fertig und in der Post ist.

Wenn du Bilder von einer anderen Seite zu MOO importierst hast, lösche
oder verändere sie bitte erst, wenn die Bestellung gedruckt wurde.
Sonst sind ein paar womöglich leer. (Wenn du sie direkt bei MOO
hochgeladen hast, gibt es keinen Grund zur Sorge.)

Hier kannst du deine Bestellung verwalten und nachverfolgen:
xxx

Verwende einfach den Button „Einloggen mit Facebook“, um dich
einzuloggen: Geschätztes Lieferdatum: yyy

Und nicht vergessen: Ich bin nur eine Software! Bei Fragen zu deiner Bestellung lies bitte zuerst unsere häufig gestellten Fragen: http://www.moo.com/help/faq/

Wenn das auch nicht hilft, kontaktiere unseren Kundendienst (die sind aus Fleisch und Blut): http://www.moo.com/help/contact-us.html

Vielen Dank!

Little MOO, Druckroboter

MOO
„We love to print“

Was für einen Erzählkosmos wie den von „Sleep no more“ gilt, das trifft ebenso auf ein Markenwelt zu: es sind die kleinen Details auf die es ankommt, die aus einem monolithischen Block ein lebendiges Unternehmen machen. Es sind die kleinen Aha-Erlebnisse, die wir mit einem Unternehmen, seinen Mitarbeiter, seinem Angebot haben, die uns dazu bringen, unsere Erfahrungen begeistert mit unserem Umfeld zu teilen. Und es sind diese Geschichten, aus denen erfolgreiche Marken geformt werden.

Ausprobieren? Hier geht’s zur Webseite von Moo



Von Thomas Zorbach am 28. April 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Fans, Journey 2012, Marken, Social Media

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„Sleep no more“ oder die totale Immersion

Irgendwo in New York City. Seit über einer Stunde irrlichtere ich nun schon durch das labyrinthartige Gebäude. Ziellos lasse ich mich Treiben von Raum zu Raum. Aus unsichtbaren Lautsprechern dröhnt ein düsterer Klangteppich, Chansons aus einer anderen, längst vergangenen Zeit, vermischt mit Effekten wie aus einem Horrorfilm. Gerade eben war ich noch in der Lobby. Die Luft war stickig, voller Zigarettenqualm, so dass ich kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Den Concierge hinter der Rezeption, gerade in einen Liebesakt mit einem weiblichen Hotelgast verwickelt oder in eine Prügelei, so genau ließ sich das nicht sagen, schien das nicht weiter zu kümmern, ebenso wenig wie meine Anwesenheit. Inzwischen bin ich zu einer Art Ballsaal vorgedrungen. Ich bin umringt von einem großen Kreis von Menschen. Ich kann nicht sehen, wer sie sind und was in ihnen vorgeht, denn sie alle tragen Masken. Auch ich trage eine Maske. Das Licht und die Musik im Saal verändert sich und ich ahne: gleich wird irgendetwas passieren.

Es fühlt sich an, wie ein äußerst bizarrer Traum, so als sei ich in Schnitzlers Traumnovelle hineingeraten oder in Kubricks Eyes Wide Shut. In Wirklichkeit aber bin ich im Theater. Das Stück heißt Sleep no more und ist eine Produktion von Punchdrunk, einer Gruppe aus London, die schon seit der Jahrtausendwende mit „Immersivem Theater“ experimentiert. Bei Sleep no more gibt es keine vierte Wand, wie im naturalistischen Theater. Es gibt überhaupt keine Wände mehr. Das Publikum ist Teil der Inszenierung und bewegt sich völlig frei und selbstgesteuert durch die aufgespannte Welt der Erzählung. Die Welt, das ist das McKittrick Hotel, ein verlassener Gebäudekomplex, gelegen an Manhattens Westside, der sich über sechs Etagen mit an die 100 Räumen ausdehnt. Das Stück, inhaltlich lose an Macbeth angelehnt, kombiniert virtuos neben Theateraspekten, auch Elemente der Tanz-Performance, der Design-Installation und der Klangkunst. Obwohl ich kein Experte bin, wird mir sofort klar: das hier ist kein Mitmach-Klamauk à la Krimidinner. Was ich hier erlebe, ist eine mögliche Zukunft des Theaters.

Obwohl die Spielzeit ursprünglich nur sechs Wochen betragen sollte, läuft Sleep no more inzwischen schon seit über einem Jahr. Die Vorstellungen sind bereits Wochen im Voraus ausverkauft, obwohl von offizieller Seite niemand die Werbetrommel rührt. Das ist auch nicht notwendig, denn die Mundpropaganda rund um das Stück ist enorm, obwohl es schwer fällt in Worte zu fassen, was während der gut dreistündigen Aufführung eigentlich passiert. Frank Rose, Autor von The Art of Immersion bezeichnet Sleep no more als „disorienting experience“, eine Einschätzung, der ich mich ohne Einschränkung anschließe. Die Macher erzielen beim Publikum eine Form von Involvement, wie ich sie selbst noch nie zuvor erlebt habe, nicht einmal bei einem Rollenspiel (LARP).

(Frank Rose, The Art of Immersion über Sleep no more auf der SXSW 2012 in Austin)

Nachfolgend möchte ich versuchen, einige Aspekte herauszuarbeiten, die mir im Hinblick auf die immersive Wirkung besonders bedeutsam erscheinen. Ich will versuchen dabei möglichst wenig zu spoilern, um denjenigen, die das Stück selbst sehen erleben wollen, nicht den Spaß zu nehmen.

Rabbit Hole
Die Maske, die am Eingang übergeben wird, ist Teil eines Schwellenrituals, das den Besucher in die Welt der Fiktion hineinzieht. Mit dem Überstreifen verhüllt man das eigene Ich und nimmt für die Dauer eine anonyme, virtuelle Identität an, die es dem Besucher erlaubt andere Aspekte der Persönlichkeit auszuleben. Ich selbst entpuppte mich auf meinem Erkundungsgang durch das Hotel zu meiner Überraschung als notorischer In-Sachen-Herumkramer und Schubladenöffner – immer auf der Suche nach verborgenen Details.

Story-Multiversum
Während der drei Stunden wird man buchstäblich alleine gelassen mit der Geschichte und ist gezwungen, sie für sich selbst zu entdecken. Es beginnt damit, dass Besucher, die in Begleitung erscheinen am Eingang rigoros voneinander getrennt werden. Der Einlass erfolgt in kleinen Gruppen über deren Einteilung der Zufall entscheidet, in dem jeder Gast eine Spielkarte ziehen muss. Was im Inneren des Hotels passiert, was der Besucher erlebt, hängt allein davon ab, wie er sich verhält. Obwohl sich also circa 200 Gäste zur gleichen Zeit durch das Gebäude bewegen, konstruiert jeder Teilnehmer seine individuelle Theater-Experience. Das Stück bietet eine Plattform zur Erschaffung einer Vielzahl von dramatischen Paralleluniversen.

Fragmentierte Erzählweise
Es sind drei wichtige Instruktionen, die der Besucher am Eingang erhält. Man darf auf keinen Fall die Maske absetzen und Reden ist streng verboten. Die dritte Hausregel bezieht sich auf die Handlung. Den Besuchern wird mitgeteilt, dass sie der Geschichte buchstäblich folgen können, in dem sie sich den Charakteren an die Fersen heften. Die Charaktere kann man daran erkennen, dass sie keine Maske tragen. Folgt man einer der Figuren, kann man sich Fragmente der Handlung erschließen. Je mehr Szenen man beiwohnt, desto eher gelingt es Bezüge herzustellen und sich dramaturgische Bögen zu erschließen. Die Inszenierung ist so angelegt, dass die dargebotenen Szenen dreimal gelooped werden. Die eingangs beschriebene Begegnung in der Hotellobby beispielsweise habe ich zwei mal gesehen, andere Szenen dafür gar nicht.

Transmedialität
Die Geschichte wird jedoch nicht nur über das Spiel der Figuren vermittelt. Eine tragende Rolle spielen auch die über 100 Räume des McKittrick Hotels. Das Stück ist in den 1930er Jahren angesiedelt, was beim Publikum, den starken Eindruck einer Zeitreise fördert. Jeder Raum ist wie ein mehrdimensionales Tableau inszeniert. Der Besucher wird dadurch auf allen sinnlichen Ebenen angesprochen, durch Licht- und Klangeffekte, aber auch durch olfaktorische Reize. Besonders eindrucksvoll sind die Artefakte, von denen es unzählige zu entdecken gibt. Im Büro eines Privatdetektivs beispielsweise kann man in Akten stöbern oder in alten Briefen. Wer besonders aufmerksam ist, kann die Kurzwahl des Schnurtelefons an der Rezeption ermitteln und in der Lobby ein anderes Gerät läuten lassen.

Detailreichtum
Es sind die Details, die eine fiktive Welt real erscheinen lassen. Das gilt für ein Videospiel, wie für ein Alternate Reality Game oder einen Comic. Je größer die Liebe der Schöpfer zum Detail ist, desto wahrscheinlicher der immersive Charakter beim Publikum. Sleep no more ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesamtkunstwerk bei dem man diese Liebe überall mit Händen greifen kann. Als ARG-Puppetmaster weiß ich wie komplex es ist eine Live-Location real erscheinen zu lassen und mit wie viel Aufwand es teilweise verbunden ist, die richtigen Objekte zu organisieren. Aus Zeit- und Budgetgründen muss man oft Zugeständnisse machen, was zur Folge hat, dass die alternative Realität nur auf den ersten Blick stand hält. Nicht so im McKittrick Hotel. Im besagten Detektivbüro habe ich die Probe aufs Exempel gemacht und eine Kommode geöffnet, die weiter keine Bedeutung für die Inszenierung zu haben schien. In dem Schrank waren stapelweise Briefe, insgesamt bestimmt um die 50. Ich habe wahllos ein Exemplar aus einem der Stapel gezogen und war mir sicher eine leere Seite vorzufinden. Aber nein, stattdessen eine handschriftliche Notiz, verfasst in Glamis (Macbeth!) auf vergilbtem Papier. Mit einem Wort: Überwältigend!

Sleep no more wurde 2011 mit dem Drama Desk Award for Unique Theatrical Experience ausgezeichnet.

Die Webseite zu Sleep no more



Von Thomas Zorbach am 19. April 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Allgemein, Das weiße Kaninchen, Journey 2012, Transmedia Storytelling