Gäbe es so etwas wie eine Hurricane-Saison in Social Media, viel spräche dafür, dass wir uns in Deutschland gerade mittendrin befinden. Innerhalb kürzester Zeit wurden Vodafone, McDonald’s, und das ProSieben-Magazin Galileo von Shitstorms bisher unbekannten Ausmaßes getroffen. Brutstätte in allen Fällen ist Facebook. Ausgelöst durch einzelne Nutzerbeiträge, bauten sich innerhalb weniger Stunden gigantische Proteststürme aus „Likes“ und Kommentaren auf, die sich in hoher Geschwindigkeit durch das soziale Netzwerk verbreiteten.

Aufgrund des schnellen Aufeinanderfolgens der Ereignisse und gewisser Ähnlichkeiten in den Verbreitungsmustern wird im Web derzeit darüber spekuliert („Der gekaufte Shitstorm“), ob die Vorfälle möglicherweise durch Manipulation herbeigeführt worden sind zum Beispiel durch den Einsatz von gefälschten Facebook-Profilen. Obwohl solche Profile vielerorts feil geboten werden und eine gezielte Beeinflussung der Interaktionsrate von Facebook-Meldungen technisch möglich erscheint, halte ich die Beweislage für unzureichend und nicht überzeugend.

Quelle: Kai Thrun

Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die jüngsten Vorkommnisse das Ergebnis von organischen Netzwerkeffekten sind, deren Ursache in den viralen Funktionen von Facebook begründet liegen. Wenn dann hinzukommt, dass einem Unternehmen wie Vodafone aufgrund wahrgenommener Defizite im Servicebereich eine hohen Anzahl von Gegnern mit einer niedrigen Toleranzschwelle gegenüberstehen, die auf eine passende Gelegenheit warten, ihren angestauten Frust loszuwerden, finde ich ein Ergebnis von mehreren Tausend „Likes“ und Kommentaren im Verlauf von nur wenigen Stunden nicht weiter verwunderlich. Facebook-Seitenbetreiber wie McDonald’s oder Galileo, die über 1 Million „Gefällt mir“-Klicks erreicht haben, müssen solche Phänomene künftig auf dem Schirm haben und ihr Handlungsrepertoire dahingehend erweitern, dass sie vor einem solchen Kritikeransturm gewappnet sind.

Gegen die Manipulationsthese sprechen auch die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt, an dem ich gemeinsam mit Dr. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University arbeite. Jürgen Pfeffer hat in einem Simulationsmodell nachgewiesen, dass geringfügige Veränderungen im Kommunikationsverhalten von Social Media-Nutzern aufgrund der lokalen Cluster-Struktur interpersonaler Kommunikationsnetzwerke große Auswirkungen haben können. Der Kurvenverlauf im Fall von McDonald’s und Galileo – das schnelle Ansteigen der Kommentarhäufigkeit und ihr ebenso rapides Absinken – ähnelt auf frappierende Weise den Ergebnissen aus unserer Simulation.


Quelle: Pfeffer, Zorbach

Über unsere Forschungsergebnisse habe ich kürzlich mit Holger Schmidt, Redakteur beim FOCUS Magazin und Betreiber des „Netzökonomie-Blog“, gesprochen. Das Interview ist diese Woche erschienen – in der Printausgabe Nr. 32/6. August 2012 und online.

„Netzwerkeffekte überlagern kognitive Effekte“
Facebook-Wutwelle trifft McDonald’s
Der gekaufte Shitstorm
Shitstorm über „Galileo“: So reagiert ProSieben auf derbe Vorwürfe
Shitstorms die Dynamiken von Empörungswellen in Social Media: Studie von Dr. Jürgen Pfeffer (Carnegie Mellon) und Thomas Zorbach (vm-people)
How to survive a Shitstorm: Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica 2010