Bei Autoren hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es durchaus von Vorteil ist, für seine Leser erreichbar zu sein. Die Lektüre eines Buches ist oft mit starken Emotionen verbunden und weckt das Bedürfnis nach Austausch – nicht nur mit anderen Lesern, sondern auch mit dem Verfasser. Wer diese Nähe zulässt, wer auf E-Mails antwortet, auch wenn sie kritisch sind oder bei Facebook auf Fragen reagiert und mit den Fans in einen Dialog tritt, eröffnet sich die Chance, eine starke Bindung zu seinem Publikum aufzubauen. Auch wenn es viel Zeit und manchmal Nerven kostet: es lohnt sich für die Leser da zu sein, wenn sie auf den Autor zugehen.

Zoë Beck hat den Spieß jetzt umgedreht. Bereits Wochen vor dem Erscheinen ihres neuen Romans „Das zerbrochene Fenster“ ist die Autorin auf ihre Leser zugegangen und das auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Ausgewählte Fans ihrer Facebook-Page, Rezensenten ihrer Bücher und Buchblogger erhielten überraschend eine Sendung mit der Post. Neben einem handgeschriebenen und individuellen Gruß der Autorin enthielt der Umschlag eine Speicherkarte im Visitenkarten-Format, verziert mit einem Portraitfoto. Auf der USB-Karte verbarg sich die nächste Überraschung: eine Audiodatei im Stil eine Diktaphone-Aufnahme mit der Stimme einer verzweifelten Frau.

Foto: Michelle Senn

Die Aufnahmen datieren auf das Jahr 2003 beziehungsweise 2004 und stammen von Philippa Murray, eine Klavierbauerin aus Edinburgh. „Pippa“ sucht ihren Freund Sean, der spurlos verschwunden ist. In den tagebuchartigen Passagen, fünfzehn an der Zahl, redet sie sich ihren Kummer und ihre Verzweiflung von der Seele. Schon nach den ersten Tracks beginnt man tiefes Mitleid zu empfinden mit dieser unbekannten Frau, die nicht bereit ist zu akzeptieren, dass sie den geliebten Menschen wahrscheinlich niemals wiedersehen wird. So sehr es auch den Anschein haben mag, aber Pippa ist nicht real. Sie ist die Protagonistin aus „Das zerbrochene Fenster“ und wird von der Autorin selbst zum Leben erweckt, die der Hauptfigur ihre Stimme leiht.

Vierzehn der fünfzehn Tondateien sind Teil des Romans. Sie haben die Funktion den Leser emotional auf die Handlung einzustimmen. Dadurch bekommt das Publikum dieses „Sneak Prehears“ das Gefühl vermittelt die Figuren und das Setting bereits zu kennen, bevor die erste Seite des Buches aufgeschlagen ist. Gleichzeitig sollen die Tracks reflektieren wie Zoë Beck ihre Geschichte erzählt: fragmentarisch, komplex, angesiedelt auf mehreren Zeitebenen. Keine leicht verdauliche Thriller-Kost von der Stange, nichts was sich locker wegliest. Dafür eindringlich geschilderte, vom Leben gebeutelte Figuren, die in Erinnerung bleiben. Keine Blutorgien, stattdessen psycholgische Spannung im ursprünglichen Sinne des Wortteils „Psycho“ in Psychothriller.

Video: Michelle Senn

Nach dem Alternate Reality Game „66 Letters“ für den Roman „Das alte Kind“ ist „Pippas Tagebuch“ bereits meine zweite Zusammenarbeit mit Zoë Beck. Es ist vergleichsweise eine dankbare Aufgabe, denn die Autorin macht im Umgang mit ihren Fans so ziemlich alles richtig. Vor allen Dingen merkt man ihr deutlich an, dass Social Media für sie keine lästige Pflichtübung darstellt, sondern dass ihr Facebook und Twitter ganz einfach Spaß machen, wie sie in einem Radio-Interview kürzlich erzählt hat. All das zusammengenommen: die Nahbarkeit für ihre Leser, die fragmentarische, transmediale Inszenierung ihrer Stoffe und der selbstverständliche, glaubwürdihe Umgang mit Social Media machen Zoë Beck für mich zum Prototyp einer modernen Autorin im digitalen Zeitalter.

Die Webseite zum Roman „Das zerbrochene Fenster“
„Sich selbst um das Buchmarketing zu kümmern, hat enorm an Wichtigkeit gewonnen“: Zoë Beck im Interview mit Leander Wattig