Der Sturm der Entrüstung traf mich völlig unvorbereitet und mit voller Wucht. Es war am Abend des 6. Juni 2002, der Tag, an dem der damalige Vorsitzende des deutschen Bundestages Wolfgang Thierse eine neue Imagekampagne der Öffentlichkeit vorstellte. In den Anzeigen- und Plakatmotiven ging es darum, den Jugendlichen zu vermitteln, was die Abgeordneten in Berlin so treiben und was das eigentlich mit ihrem Leben zu tun hat. Gemeinsam mit meinen beiden Mitstreitern Martin Goldbach und Dagmar Kempf hatte ich monatelang auf diesen Moment hingearbeitet. Gespannt saßen wir vor dem Fernseher, Panorama hatte einen Beitrag angekündigt.

(Quelle: SPIEGEL Online)

Schon die Anmoderation verhieß nichts Gutes: „Plump und peinlich“: die Jugendwerbung des Deutschen Bundestages“. Und was dann folgte war eine Hinrichtung allererster Güte. Unmittelbar nach der Sendung griff ein weiteres Leitmedium, Spiegel Online, die Story auf mit der unzweideutigen Headline „Pure Verarschung“. Und während unser Mut langsam zu sinken begann, stieg die Anzahl der ungelesenen Mails in unserem Posteingang dramatisch an. Am nächsten Morgen waren es Tausende. Zwar hatten wir durchaus kalkuliert und beabsichtigt, dass die Ansprache polarisieren würde, nicht gerechnet hatten wir jedoch mit den Pöbeleien und Anfeindungen, die neben konstruktiver Kritik im Sekundentakt auf uns einprasselten.

Der Aspekt, dass sich in die sachliche Kritik, zunehmend „aggressive, beleidigende und bedrohende“ Töne mischen ist das typische Kennzeichen eines „Shitstorms”. Der Begriff bezeichnet eine virale Welle der Empörung, die durch das Internet schwappt und die in (un)schöner Regelmäßigkeit über Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft oder über Personengruppen wie Unternehmen oder Verbänden hereinbricht. Erst kürzlich wurde die Bezeichnung zum „Anglizismus des Jahres 2011“ gewählt. Die Begründung der Jury ist hochinteressant. „Shitstorm“ schließe „eine sprachliche Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch aktuelle Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan hat.“

Nach Ansicht der Sprachwissenschaftler haben wir es also mit einem neuartigen Phänomen zu tun. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, denn obwohl es solche Entrüstungsstürme schon vor zehn Jahren gegeben hat, wie ich am eigenen Leibe erfahren habe, scheinen die Dynamiken, die zur Entstehung und Verbreitung eines Shitstorms führen heute andere zu sein. Während beispielsweise vor einer Dekade die klassischen Medien eine dominierende Rolle bei der Meinungsbildung eingenommen haben, wird diese Funktion inzwischen mehr und mehr von Social Media übernommen. Panorama läuft zwar immer noch, wurde aber inzwischen von Twitter als Leitmedium bei der Entstehung von Shitstorms abgelöst.

Was diese partizipativen und kollaborativen Meinungsbildungsprozesse für die Politik, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft bedeuten, das beginnen wir gerade erst zu begreifen. Klar dagegen ist, dass die veränderte Diskussionskultur, deren markanteste Ausprägung der Shitstorm ist, unmittelbare Auswirkungen auf die Frage hat, wie wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen und wie wir mit Andersdenkenen umgehen. Das kann man derzeit beispielsweise an der von beiden Lagern fast ausschließlich emotional und oft unsachlich geführten Debatte über das Urheberrecht ablesen.

„Virtual Shitstorms – The Dynamics of intense Indignation in Social Media Networks”, so lautet der Titel des Forschungsprojekts, das ich gemeinsam mit Jürgen Pfeffer, Post-Doctoral Associate an der Carnegie Mellon University, ins Leben gerufen habe. Damit wollen wir einen Beitrag leisten, um die Dynamiken, durch die solche Empörungswellen verursacht werden, besser zu verstehen und gleichzeitig vielleicht auch das Bewußtsein für die sich verändernde Diskussionskultur schärfen. Teil des Projekts ist der Shitstorm-Radar, der die mediale Berichterstattung rund um das Thema auf Facebook und auf Twitter dokumentiert.

Shitstorms in der Aktuellen Medienbericherstattung:

Der Tagesspiegel, 2. April 2012
Shitstorm – Wie das Netzgetöse zum Medienereignis wird

Financial Times Deutschland, 2. April 2012
Schwarmintelligenz – Shitstorm und Demokratie 

Deutschlandradio Kultur, 29. März 2012
Surfen auf der Empörungswelle