Irgendwo in New York City. Seit über einer Stunde irrlichtere ich nun schon durch das labyrinthartige Gebäude. Ziellos lasse ich mich Treiben von Raum zu Raum. Aus unsichtbaren Lautsprechern dröhnt ein düsterer Klangteppich, Chansons aus einer anderen, längst vergangenen Zeit, vermischt mit Effekten wie aus einem Horrorfilm. Gerade eben war ich noch in der Lobby. Die Luft war stickig, voller Zigarettenqualm, so dass ich kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Den Concierge hinter der Rezeption, gerade in einen Liebesakt mit einem weiblichen Hotelgast verwickelt oder in eine Prügelei, so genau ließ sich das nicht sagen, schien das nicht weiter zu kümmern, ebenso wenig wie meine Anwesenheit. Inzwischen bin ich zu einer Art Ballsaal vorgedrungen. Ich bin umringt von einem großen Kreis von Menschen. Ich kann nicht sehen, wer sie sind und was in ihnen vorgeht, denn sie alle tragen Masken. Auch ich trage eine Maske. Das Licht und die Musik im Saal verändert sich und ich ahne: gleich wird irgendetwas passieren.

Es fühlt sich an, wie ein äußerst bizarrer Traum, so als sei ich in Schnitzlers Traumnovelle hineingeraten oder in Kubricks Eyes Wide Shut. In Wirklichkeit aber bin ich im Theater. Das Stück heißt Sleep no more und ist eine Produktion von Punchdrunk, einer Gruppe aus London, die schon seit der Jahrtausendwende mit „Immersivem Theater“ experimentiert. Bei Sleep no more gibt es keine vierte Wand, wie im naturalistischen Theater. Es gibt überhaupt keine Wände mehr. Das Publikum ist Teil der Inszenierung und bewegt sich völlig frei und selbstgesteuert durch die aufgespannte Welt der Erzählung. Die Welt, das ist das McKittrick Hotel, ein verlassener Gebäudekomplex, gelegen an Manhattens Westside, der sich über sechs Etagen mit an die 100 Räumen ausdehnt. Das Stück, inhaltlich lose an Macbeth angelehnt, kombiniert virtuos neben Theateraspekten, auch Elemente der Tanz-Performance, der Design-Installation und der Klangkunst. Obwohl ich kein Experte bin, wird mir sofort klar: das hier ist kein Mitmach-Klamauk à la Krimidinner. Was ich hier erlebe, ist eine mögliche Zukunft des Theaters.

Obwohl die Spielzeit ursprünglich nur sechs Wochen betragen sollte, läuft Sleep no more inzwischen schon seit über einem Jahr. Die Vorstellungen sind bereits Wochen im Voraus ausverkauft, obwohl von offizieller Seite niemand die Werbetrommel rührt. Das ist auch nicht notwendig, denn die Mundpropaganda rund um das Stück ist enorm, obwohl es schwer fällt in Worte zu fassen, was während der gut dreistündigen Aufführung eigentlich passiert. Frank Rose, Autor von The Art of Immersion bezeichnet Sleep no more als „disorienting experience“, eine Einschätzung, der ich mich ohne Einschränkung anschließe. Die Macher erzielen beim Publikum eine Form von Involvement, wie ich sie selbst noch nie zuvor erlebt habe, nicht einmal bei einem Rollenspiel (LARP).

(Frank Rose, The Art of Immersion über Sleep no more auf der SXSW 2012 in Austin)

Nachfolgend möchte ich versuchen, einige Aspekte herauszuarbeiten, die mir im Hinblick auf die immersive Wirkung besonders bedeutsam erscheinen. Ich will versuchen dabei möglichst wenig zu spoilern, um denjenigen, die das Stück selbst sehen erleben wollen, nicht den Spaß zu nehmen.

Rabbit Hole
Die Maske, die am Eingang übergeben wird, ist Teil eines Schwellenrituals, das den Besucher in die Welt der Fiktion hineinzieht. Mit dem Überstreifen verhüllt man das eigene Ich und nimmt für die Dauer eine anonyme, virtuelle Identität an, die es dem Besucher erlaubt andere Aspekte der Persönlichkeit auszuleben. Ich selbst entpuppte mich auf meinem Erkundungsgang durch das Hotel zu meiner Überraschung als notorischer In-Sachen-Herumkramer und Schubladenöffner – immer auf der Suche nach verborgenen Details.

Story-Multiversum
Während der drei Stunden wird man buchstäblich alleine gelassen mit der Geschichte und ist gezwungen, sie für sich selbst zu entdecken. Es beginnt damit, dass Besucher, die in Begleitung erscheinen am Eingang rigoros voneinander getrennt werden. Der Einlass erfolgt in kleinen Gruppen über deren Einteilung der Zufall entscheidet, in dem jeder Gast eine Spielkarte ziehen muss. Was im Inneren des Hotels passiert, was der Besucher erlebt, hängt allein davon ab, wie er sich verhält. Obwohl sich also circa 200 Gäste zur gleichen Zeit durch das Gebäude bewegen, konstruiert jeder Teilnehmer seine individuelle Theater-Experience. Das Stück bietet eine Plattform zur Erschaffung einer Vielzahl von dramatischen Paralleluniversen.

Fragmentierte Erzählweise
Es sind drei wichtige Instruktionen, die der Besucher am Eingang erhält. Man darf auf keinen Fall die Maske absetzen und Reden ist streng verboten. Die dritte Hausregel bezieht sich auf die Handlung. Den Besuchern wird mitgeteilt, dass sie der Geschichte buchstäblich folgen können, in dem sie sich den Charakteren an die Fersen heften. Die Charaktere kann man daran erkennen, dass sie keine Maske tragen. Folgt man einer der Figuren, kann man sich Fragmente der Handlung erschließen. Je mehr Szenen man beiwohnt, desto eher gelingt es Bezüge herzustellen und sich dramaturgische Bögen zu erschließen. Die Inszenierung ist so angelegt, dass die dargebotenen Szenen dreimal gelooped werden. Die eingangs beschriebene Begegnung in der Hotellobby beispielsweise habe ich zwei mal gesehen, andere Szenen dafür gar nicht.

Transmedialität
Die Geschichte wird jedoch nicht nur über das Spiel der Figuren vermittelt. Eine tragende Rolle spielen auch die über 100 Räume des McKittrick Hotels. Das Stück ist in den 1930er Jahren angesiedelt, was beim Publikum, den starken Eindruck einer Zeitreise fördert. Jeder Raum ist wie ein mehrdimensionales Tableau inszeniert. Der Besucher wird dadurch auf allen sinnlichen Ebenen angesprochen, durch Licht- und Klangeffekte, aber auch durch olfaktorische Reize. Besonders eindrucksvoll sind die Artefakte, von denen es unzählige zu entdecken gibt. Im Büro eines Privatdetektivs beispielsweise kann man in Akten stöbern oder in alten Briefen. Wer besonders aufmerksam ist, kann die Kurzwahl des Schnurtelefons an der Rezeption ermitteln und in der Lobby ein anderes Gerät läuten lassen.

Detailreichtum
Es sind die Details, die eine fiktive Welt real erscheinen lassen. Das gilt für ein Videospiel, wie für ein Alternate Reality Game oder einen Comic. Je größer die Liebe der Schöpfer zum Detail ist, desto wahrscheinlicher der immersive Charakter beim Publikum. Sleep no more ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesamtkunstwerk bei dem man diese Liebe überall mit Händen greifen kann. Als ARG-Puppetmaster weiß ich wie komplex es ist eine Live-Location real erscheinen zu lassen und mit wie viel Aufwand es teilweise verbunden ist, die richtigen Objekte zu organisieren. Aus Zeit- und Budgetgründen muss man oft Zugeständnisse machen, was zur Folge hat, dass die alternative Realität nur auf den ersten Blick stand hält. Nicht so im McKittrick Hotel. Im besagten Detektivbüro habe ich die Probe aufs Exempel gemacht und eine Kommode geöffnet, die weiter keine Bedeutung für die Inszenierung zu haben schien. In dem Schrank waren stapelweise Briefe, insgesamt bestimmt um die 50. Ich habe wahllos ein Exemplar aus einem der Stapel gezogen und war mir sicher eine leere Seite vorzufinden. Aber nein, stattdessen eine handschriftliche Notiz, verfasst in Glamis (Macbeth!) auf vergilbtem Papier. Mit einem Wort: Überwältigend!

Sleep no more wurde 2011 mit dem Drama Desk Award for Unique Theatrical Experience ausgezeichnet.

Die Webseite zu Sleep no more